LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,
mit dem Sex in der Stimme von unten scheint es in der Oper vorbei zu sein. Wo sind sie, die großen Kontra-Alt- Diven, einst Inbegriff sinnlich-weiblicher Autorität? Wo sind die Nachfolgerinnen etwa von Ewa Podleś, Marian Anderson oder Nathalie Stutzmann (als sie noch sang)? Während in der Pop-Musik Altistinnen wie Cher unverändert Ikonen-Status genießen, geht die Verführung in der Oper bestenfalls noch vom Mezzo aus. Doch selbst hier rüsten die hohen Stimmen schon zur Übernahme. Wenn Asmik Grigorian im Sommer bei den Salzburger Festspielen als Carmen debütieren wird, ist das nicht nur ein garantiert kassenfüllendes Zusammenspannen einer der beliebtesten Publikumsopern mit dem populärsten Sängerinnenstar unserer Zeit. Es ist Ausdruck eines veränderten Markts, der sich um Stimmfächer nicht mehr groß schert, und einer entsprechend angepassten, vorgeschalteten Ausbildung mit Blick auf ein möglichst breites Einsatzspektrum. Es ist aber auch Ausdruck der Oper als Seismograf gesellschaftlicher Projektionen: Genderbilder, Körper- bilder, Hörgewohnheiten – sie alle prägen, wer überhaupt noch besetzt wird. In der vorliegenden Ausgabe gehen wir dem Thema genauer nach.
Einen erneuten Vergleich mit dem Pop drängt eines der seltsamsten Phänomene des gegenwärtigen Opernbetriebs auf: Der Wunsch der Oper nach Erneuerung und ihre gleichzeitig merkwürdige Scheu davor. Dass die Oper von sich selbst und vom Publikum oftmals als museal wahrgenommen wird, liegt nicht – wie in unserem Themenbeitrag ausgeführt wird – daran, dass die Inszenierungen zu wenig modern wären. Es liegt an dem alten Repertoire, zu dem viel zu wenig erfolgreiches Neues hinzukommt. In Deutschland fällt dieser Befund besonders eklatant aus: Während Werke wie Dead Man Walking international längst Publikumserfolge feiern, tun sich insbesondere die Häuser der hiesigen Metropolen schwer damit. Lieber vertraut man hier auf den hermetischen Klang einer vom Betrieb zur solchen erklärten Avantgarde als auf die erzählfreudige Kraft echter neuer Repertoirestücke. In einer Zeit, in der Oper für die meisten bestenfalls nur noch ein Freizeitangebot neben vielen anderen ist, führt das automatisch zu Ergebnissen, die nur enttäuschen können.
Ganz anders sieht es in der sogenannten Provinz aus, die – wie so oft – mitnichten so provinziell ist, wie es die Herrschaften aus den Großstädten so gerne glauben (möchten). Im Rahmen der OPER! AWARDS zeichnen wir das Theater Regensburg am 23. Februar 2026 unter seinem eigenen Dach als „Bestes Opernhaus“ aus. Die außergewöhnliche und zugleich beim Publikum erfolgreiche Spielplangestaltung war für die Jury ein entscheidender Punkt: „Mehr Neues als Bekanntes, umarmende Offenheit statt programmatischer Vorsicht und der unerschütterliche Glaube an die Existenzberechtigung des Musiktheaters in allen seinen Formen, Farben und Ausprägungen: Die Risikobereitschaft des Theaters Regensburg unter seinem Intendanten Sebastian Ritschel ist groß, seine Trefferquote aber enorm. Der Qualität folgt das Publikum, das Vertrauen, der Zuspruch – regional und längst auch bundesweit darüber hinaus. Die stets geforderte, selten konsequent realisierte Erweiterung des immer gleichen Repertoires – in Regensburg findet sie statt! Immer wieder begeisternd auch dank des hervorragenden Ensembles. Innovationen in den Bereichen Partizipation, Zugänglichkeit, Community-Bildung und Nachhaltigkeit zeigen darüber hinaus, wie sich ein Theater unverzichtbar in der Stadtgesellschaft verankern sollte. Keine Frage: Das beste Opernhaus befindet sich unter dem Dach des Theaters – künftig: Staatstheaters – Regensburg!“
Wer nicht dabei sein kann, hat die Möglichkeit, sich die Preisverleihung auf unserer Website oper-awards.com anzusehen. Die Veranstaltung wird live übertragen und steht anschließend als Mitschnitt zur Verfügung.
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!
Herzlich
Ihr
Ulrich Ruhnke / Chefredakteur



