LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,
es war der (sozio-)kulturelle Sommerloch-Aufreger der Saison: Die Mailänder Scala verweigert Besuchern in Flip-Flops, kurzen Hosen und Tank- Tops künftig den Einlass. Trotz italienischen Höchsttemperaturen: Dem Anstand des Theaters sei Rechnung zu tragen und eine Kleidung zu wählen, die das Theater selbst und die anderen Besucher respektiere. Nicht die Rede war von der regen Nutzung des Handys, entspanntem Zuspätkommen oder unbeschwerter Plauderei während der Vorstellung. Vielleicht, weil die Italiener in diesen Dingen selbst nicht über jeden Zweifel erhaben sind?
Der Mailänder Vorstoß mag dem allgemeinen gesellschaftlichen Trend zuwiderlaufen und auch in seiner Fokussierung auf die Kleiderordnung etwas überraschen, doch trifft er eine Entwicklung, die in den letzten Jahren spürbar zugenommen hat: Das Priorisieren der eigenen Bedürfnisse ohne Rücksicht auf das Umfeld. Das während des Konzerts an sich herumfummelnde Paar im Concertgebouw Amsterdam mag ein Ausreißer gewesen sein, das Stillen des Durstes aus der mitgebrachten Wasserflasche sowie das anschließende Aufsuchen der Toilette und wieder Zurückkommen – alles während der Vorstellung – läuft inzwischen scheinbar unter individueller Wohlbefindenfürsorge.
Was an der erstarkten Rücksichtslosigkeit vor allem verwundert, ist die völlige Selbstverständlichkeit, mit der sie praktiziert wird, und das fast narzisstische Unverständnis dafür, hier vielleicht etwas zu tun, was den anderen stört. Die Kleidung ist da beinahe das Geringste, eine Dusche und ordentliche Körperpflege vor der Vorstellung für den Sitznachbarn im Zweifelsfall wichtiger – vor allem, wenn man vorher den ganzen Tag im Tank-Top Sightseeing gemacht hat. Das Verbot der Scala mag nicht ganz ins Schwarze treffen, aber als Anstoß zum Nachdenken über Anstandsregeln, die allen Besuchern wieder ein ungestörtes Opernerlebnis ermöglicht, taugt es allemal.
Gut möglich, dass die Diskussion hierüber künftig noch kräftig an Fahrt aufnehmen wird, denn die alte Idee der Begegnungsstätte ist zurück! Unter der auch nicht mehr ganz neuen Bezeichnung „Dritter Ort“ ist sie in ihrer Programmatik und Zielgruppe zwar noch offener gefasst, auch sind Zauberworte wie Community- Bildung hinzugekommen, doch der Kern der informellen sozialen Begegnung und Interaktion außerhalb von Arbeit und den eigenen vier Wänden ist geblieben. Die Opernhäuser, meistens Immobilien in prominenten städtischen Lagen, sollen ihre Foyers untertags für jedermann öffnen, ganz unabhängig vom Opernbesuch. Initiatoren träumen von Lesern mit Buch oder Tablet, von Yoga-Gruppen und Müttern, die ihren Kindern unter den Kronleuchtern die Windeln wechseln. Abgesehen von den Kosten, die mit einer entsprechenden Gebäudeertüchtigung einhergehen (mehr als man denkt!), könnte man noch andere Bedenken haben. Das grundsätzliche Ansinnen aber ist gut und richtig. In unserem aktuellen Themenbeitrag gehen wir der Sache nach.
Ob Atmosphäre-Touristen wie in Mailand, die nur in die Vorstellung kommen, um die Aura und Geschichte des Ortes einmal selbst im instagrammable Setting zu erleben, oder Opernfremde, die als Dritte-Orte-Besucher zunächst nur bis zum Foyer vordringen – es ist wichtig, dass die Theater niemanden von einem möglichen Opernerweckungserlebnis ausschließen und sich für alle öffnen. Nicht weniger wichtig ist es jedoch, dass Stammbesucher nicht vergrault und gelangweilt werden. In Berlin, das mit seinen drei Opernhäusern regelmäßig Dubletten und Tripletten produziert, anstatt aus der Fülle des Repertoires zu schöpfen, besteht hierzu Dauergefahr. Eine aktuelle Bestandsaufnahme für die vorliegende Ausgabe zeigt den Irrsinn.
Mit der Kategorie „verrückt“ (auf jeweils ganz andere Weise) beschäftigen sich noch zwei weitere Beiträge: Donald Trumps Übernahme des Kennedy Centers, Washingtons großer Kulturinstitution, inklusive Opernhaus. Und die Recherche über Leroy Ehrenreich, der in New York über 40 Jahre lang illegal Vorstellungen mitschnitt: 15.000 Stunden Musik. Die Kunsthochschule Bern hat sich des vier Tonnen schweren Nachlasses angenommen. Geöffnet wird er einen tiefen Blick nicht nur in die amerikanische Opernpraxis seit 1965 gewähren.
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!
Ihr
Ulrich Ruhnke / Chefredakteur



