Was ist ein Countertenor?
Allgemeines
Unter Countertenor bzw. Kontratenor bzw. Kontertenor (lateinisch „Gegen-Tenor“) versteht man einen männlichen Sänger, der mit brustresonanz-verstärkter Kopfstimmen- bzw. Falsett-Technik in Alt- oder (seltener) in Sopranlage singt. Nicht zu verwechseln oder gleichzusetzen ist der Countertenor mit dem Kastraten. Bisweilen wird zwischen Countertenor und Altus unterschieden, bspw. anhand der eingesetzten Anteile von Brust- und Kopfresonanz, doch da die Individualität der meisten Sänger sehr hoch ist, erscheint eine solche Differenzierung fragwürdig. Die Bezeichnung Altus bezieht sich mehr auf die Lage der notierten Stimme, der Begriff Countertenor auf das Stimmfach bzw. den Sänger in diesem Stimmfach. Es gibt Countertenöre in Alt-, Mezzosopran- oder Sopranlage, sodass der Begriff nicht auf eine bestimmte Stimmlage anzuwenden ist.
Geschichte
Frühzeit
Der Begriff Contratenor erscheint zum erstmals gegen Ende des 14. Jahrhunderts und geht einher mit der damals aufkommenden, als Ars nova bezeichneten neuen Kompositionsweise. In dieser Zeit war der Contratenor klanglich nicht über dem Tenor angesiedelt, sondern vielmehr im gleichen Bereich. Der Begriff diente lediglich der Funktionsbestimmung als kontrapunktischer Gegenspieler der Tenorstimme. Mit der Einführung der Vierstimmigkeit durch Komponisten wie Ockeghem und Obrecht um 1450 teilte sich der Contratenor in Contratenor altus und Contratenor bassus auf, die jeweils über bzw. unter dem Tenor standen.
Später wandelten sich die Begriffe: In Italien wurde der Contratenor altus einfach zum „Altus“, in Frankreich zum „Haute-contre“ und in England zum „Countertenor“. Je nach Musikkultur nahmen Countertenöre unterschiedliche Rollen mit Solo- oder Chorgesang ein. Während gerade in Italien im Laufe des 17. Jahrhunderts der Aufstieg der Kastraten sowohl in der geistlichen als auch der Opernmusik begann, standen in Frankreich und England die Countertenöre weiterhin hoch im Kurs. Dies änderte sich vor allem durch den Siegeszug der italienischen Oper und des Oratoriums und den Einfluss von Georg Friedrich Händel.
Als Chorsänger in der anglikanischen Kirchentradition (sowie in der weltlichen Gattung des Glees) überlebten die Countertenöre als Interpreten das ganze 18. und 19. Jahrhundert. Ansonsten verschwanden sie weitgehend auch auf den Britischen Inseln, wie auch im restlichen Europa, bald aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. Außerhalb bestimmter kirchenmusikalischer Kontexte spielten Countertenöre im gesamten 19. und in weiten Teilen des 20. Jahrhunderts kaum mehr eine Rolle.
Renaissance und heutiger Einsatz
Als Pionier des modernen Countertenorgesangs gilt der Brite Alfred Deller, der ab den 1940er-Jahren weltweite Beachtung fand, weil er den männlichen Alt erstmals wieder als Solistenstimme einsetzte. Einen weiteren Popularitätsschub verpassten dem Stimmfach die King’s Singers, deren Ensemble ebenfalls zwei Countertenöre umfasst. Noch früher präsentierten sich in Deutschland die Comedian Harmonists mit einem Countertenor in ihren Reihen. Als schillernde Popikone verließ der von Deutschland nach New York ausgewanderte Klaus Nomi das Feld der klassischen Musik und trat seit Ende der 1970er-Jahre als Countertenor in verschiedenen Shows auf und machte das Stimmfach auch in der Unterhaltungsmusik bekannt. Heute werden Countertenöre vor allem in der Alten Musik, vorwiegend im Rahmen der historischen Aufführungspraxis, als Interpreten hoch gelegener Männer-Partien eingesetzt; auch in solchen, die früher von Kastraten gesungen wurden.
Stimmumfang
Der Stimmumfang eines Countertenors entspricht dem einer weiblichen Alt- oder Mezzosopranstimme. Im Allgemeinen reich er etwa von E3 bis E5. Im Vergleich zu Frauenstimmen hat die männliche Stimme in der Regel einen erweiterten Umfang in Richtung der tiefen Töne, diese Regionen werden normalerweise aber nicht verwendet. In der Praxis wird allgemein anerkannt, dass die meisten Countertenöre zumindest in der oberen Hälfte dieses Tonumfangs mit einer Falsettstimme singen, obwohl die meisten für die tieferen Töne eine Art „Bruststimme“ verwenden (die dem Umfang ihrer Sprechstimme entspricht). Die größte Herausforderung für einen Countertenor ist die Bewältigung der unteren Mittellage, denn es gibt normalerweise nur wenige Töne, die mit beiden Stimmmechanismen gesungen werden können, und der Übergang zwischen den Registern muss irgendwie vermischt oder reibungslos bewältigt werden.
Berühmte Sänger
Zu den berühmtesten Countertenören der Vergangenheit und Gegenwart gehören Valer Barna-Sabadus, Max Emanuel Cenčić, Alfred Deller, Paul Esswood, Franco Fagioli, René Jacobs, Philippe Jaroussky, Philipp Mathmann, Klaus Nomi, Russell Oberlin, Jakub Józef Orliński, Andreas Scholl und Dominique Visse.
Quelle: Wikipedia









