Welche berühmten Opern blieben unvollendet?
Allgemeines
Nicht jedes große Opernwerk wurde von seinem Komponisten vollendet. Tod, Krankheit, künstlerische Zweifel oder äußere Umstände sorgen immer wieder dafür, dass Partituren unfertig in den Schubladen oder Archiven landen. Manchmal haben spätere Komponisten oder Musikwissenschaftler diese Werke ergänzt – und haben dabei Entscheidungen getroffen, über die bis heute gestritten wird. Die Frage, welche Hand dem Original treu geblieben ist und welche zu weit gegangen sein könnte, gehört zu den spannendsten Debatten der Opernwelt. Hier sind vier berühmte Beispiele.
Giacomo Puccini: Turandot
Giacomo Puccinis Turandot ist wohl das bekannteste Beispiel einer unvollendeten Oper überhaupt. Puccini arbeitete bis zu seinem Tod im November 1924 daran – doch das Finale, in dem die eiskalte chinesische Prinzessin Turandot sich in die Liebe des unbekannten Prinzen Calàf übergibt, blieb Fragment. Sein Schüler Franco Alfano vollendete die Oper nach Puccinis Skizzen. Bei der Uraufführung 1926 an der Mailänder Scala legte der Dirigent Arturo Toscanini den Taktstock an der Stelle nieder, bis zu der Puccini selbst komponiert hatte, und wandte sich mit den Worten ans Publikum: „Bis hierher hat der Meister geschrieben. Dann kam der Tod.“ Eine spätere Ergänzung von Luciano Berio aus dem Jahr 2001 nähert sich dem Fragment behutsamer an und verzichtet bewusst auf ein Happy End.
Alban Berg: Lulu
Alban Bergs Lulu nach den Dramen von Frank Wedekind gilt als eines der bedeutendsten Opernwerke des 20. Jahrhunderts. Berg starb 1935, bevor er den dritten Akt vollständig instrumentieren konnte. Jahrzehntelang wurde die Oper nur zweiaktig aufgeführt – Bergs Witwe Helene sperrte den dritten Akt hartnäckig gegen jede Ergänzung. Erst nach ihrem Tod vollendete Friedrich Cerha die Orchestrierung; die dreiaktige Fassung kam 1979 in Paris zur Uraufführung. Seither ist diese Version die gängige Grundlage aller Inszenierungen. Die Oper erzählt den Aufstieg und Fall einer Frau, die von Männern zugleich begehrt und zerstört wird, und endet mit ihrem Tod durch Jack the Ripper.
Modest Mussorgski: Chowanschtschina
Modest Mussorgski arbeitete sein ganzes letztes Lebensjahrzehnt an der monumentale Historienoper Chowanschtschina, hinterließ das Werk bei seinem Tod 1881 aber ohne abschließende Orchestrierung und ohne eine definitive Schlussszene. Die Oper schildert den historischen Machtkampf verschiedener russischer Adelsclans und religiöser Gruppen im Russland unter Peters dem Großen – ein politisches Panorama von überwältigender Breite. Nikolai Rimski-Korsakow ergänzte und orchestrierte das Werk für die Uraufführung 1886, griff dabei aber recht tiefgreifend in Mussorgskis eigenwillige Harmonik ein. Dmitri Schostakowitsch schuf 1959 eine zweite Version, die näher am Original bleibt. Heute gilt Chowanschtschina als eines der größten Werke der russischen Opernliteratur.
Jacques Offenbach: Hoffmanns Erzählungen
Jacques Offenbach, der berühmte Operettenkomponist, starb 1880 – vier Monate vor der Uraufführung seiner einzigen großen Oper Hoffmanns Erzählungen. Die Partitur war noch unvollständig: Teile der Orchestrierung fehlten, und die Reihenfolge der Akte war nicht endgültig festgelegt. Ernest Guiraud (1837-1892) instrumentierte das Werk für die Uraufführung 1881 an der Opéra-Comique in Paris. Seither ist die Quellenlage dieser Oper ein Fall für sich: Verschiedene Fassungen mit unterschiedlicher Aktreihenfolge, verschiedenen Schlussszenen und unterschiedlich zugewiesenen Rollen konkurrieren bis heute auf den Spielplänen. Das Werk erzählt in drei Episoden die Liebesgeschichten des Dichters E. T. A. Hoffmann – eine Puppe, eine Todkranke, eine Kurtisane. Es zählt heute zu den meistgespielten Opern überhaupt.
Quelle: Wikipedia








