Was ist ein Gesamtkunstwerk?
Allgemeines
Als Gesamtkunstwerk bezeichnet man ein Kunstwerk, das mehrere Kunstformen – Musik, Dichtung, bildende Kunst, Tanz und Theater – zu einer untrennbaren Einheit verbindet. Ziel ist es, dass keine der beteiligten Künste der anderen übergeordnet ist, sondern alle gleichwertig zum Gesamteindruck beitragen. Im Gegensatz zur klassischen Nummernoper, in der eigenständige Arien, Rezitative und Ensembles aneinandergereiht werden, strebt das Gesamtkunstwerk eine lückenlose dramatische Einheit an, in der Musik, Text und Bühnengeschehen jederzeit ineinandergreifen. Der Begriff selbst geht auf den deutschen Komponisten und Theoretiker Richard Wagner (1813-1883) zurück, der ihn in seinen musiktheoretischen Schriften aus den 1840er-Jahren prägte.
Geschichte
Wagners Konzept des Gesamtkunstwerks entstand aus einer tiefgreifenden Kritik an der Oper seiner Zeit. In seinen Aufsätzen Die Kunst und die Revolution und Das Kunstwerk der Zukunft (beide 1849) argumentierte er, dass die zeitgenössische Oper durch eine falsch verstandene Arbeitsteilung zwischen Librettist, Komponist und Bühnenausstatter zersplittert sei. Jede Kunstform verfolge ihre eigenen Interessen, anstatt dem Ganzen zu dienen: Sänger präsentierten ihre Stimmen, Komponisten ihre Melodien, Bühnenbildner ihre Dekorationen – das Drama aber komme dabei zu kurz. Als Vorbild nannte Wagner das antike griechische Theater, in dem Musik, Dichtung, Tanz und Aufführung seiner Überzeugung nach noch als organische Einheit existierten und das gesamte Volk ansprachen. Mit seinen späteren musikdramatischen Werken – insbesondere dem vierteiligen Bühnenfestspiel Der Ring des Nibelungen – versuchte Wagner, dieses Ideal in die Praxis umzusetzen. Er schrieb nicht nur die Musik, sondern auch die Texte (die sogenannten Dichtungen) seiner Opern selbst und war maßgeblich an der Gestaltung der Inszenierungen beteiligt. Für die Aufführung des Rings ließ er eigens das Bayreuther Festspielhaus errichten, dessen Architektur – mit dem abgedunkelten Zuschauerraum und dem verdeckten Orchestergraben – ebenfalls dem Gedanken des Gesamtkunstwerks diente.
Merkmale und Umsetzung
Das Gesamtkunstwerk zeigt sich bei Wagner in einer Reihe konkreter kompositorischer und dramaturgischer Mittel. Wichtigstes davon ist das sogenannte Leitmotiv: ein kurzes, wiedererkennbares musikalisches Thema, das einer bestimmten Figur, einem Ort, einem Gegenstand oder einer Idee zugeordnet ist und im Verlauf des Dramas immer wieder – verwandelt und weiterentwickelt – auftaucht. So entsteht ein dichtes Netz aus musikalischen Bedeutungen, das Text und Musik unlösbar miteinander verbindet. Hinzu kommt, dass das Werk „durchkomponiert“ ist: Anders als in der Nummernoper gibt es bei Wagner keine abgeschlossenen Arien, die durch Rezitative getrennt werden. Stattdessen fließt die Musik ununterbrochen, und die Singstimme bewegt sich in einem ausdrucksstarken Sprechgesang, dem sogenannten Musikdrama. Auch die Bildsprache der Bühne, die Lichtregie und die Personenführung sollten im Ideal des Gesamtkunstwerks bewusst auf die Musik abgestimmt sein.
Abgrenzung und Wirkung
Obwohl der Begriff des Gesamtkunstwerks untrennbar mit Wagner verbunden ist, haben spätere Künstler und Kunstrichtungen das Konzept aufgegriffen und weiterentwickelt. Im Symbolismus und im Jugendstil um 1900 wurde die Idee einer „Synthese der Künste“ breit diskutiert. Der russische Impresario Sergei Diaghilew verwirklichte mit seinen Ballets Russes zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine eigene Version des Gedankens, indem er Komponisten wie Igor Strawinsky, Maler wie Pablo Picasso und Choreografen wie Vaclav Nijinsky für ein und dasselbe Projekt zusammenbrachte. Im Unterschied zur Oper blieb das Gesamtkunstwerk dabei stets ein Ideal, kein fest definierter Gattungsbegriff. Abzugrenzen ist es von der herkömmlichen Oper, in der die Musik in der Regel die führende Rolle übernimmt, sowie vom Musiktheater im weiteren Sinne, das keine einheitliche Synthese der Künste anstrebt. Wagners Einfluss auf das moderne Regietheater und auf das Verständnis von Oper als Gesamterlebnis ist bis heute kaum zu überschätzen.
Quelle: Wikipedia








