Was sind die exotischsten Bühnentode in der Oper?
Allgemeines
Sterben gehört zur Oper wie das Orchester und die hohen Töne. Kaum ein Genre hat so viele Wege zum Tod erdacht, so viele Varianten des Untergangs durchgespielt und so viel Fantasie darauf verwendet, das letzte Stundenglas möglichst spektakulär umzukippen. Dolch und Gift, Ertrinken und Erschießenwerden – das sind die Standardwerkzeuge des Operntodes. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt eine erstaunliche Sammlung abseitiger, grotesker und bisweilen fast komischer Todesarten, die zeigen, zu welcher Einfallsreichtum Librettisten und Komponisten fähig sind, wenn es darum geht, eine Figur von der Bühne zu befördern. Wir stellen sechs besonders exotische Fälle vor.
Lebendig eingemauert: Aida
In Giuseppe Verdis Aida (1871) endet die Titelheldin nicht durch Schwert oder Gift, sondern durch eine der beklemmendsten Todesarten der Opernliteratur: Sie wird lebendig eingemauert. Der ägyptische Feldherr Radames ist wegen Hochverrats zum Tod durch Einschließen in einer unterirdischen Gruft verurteilt worden. Als er in die Finsternis hinabsteigt, wartet dort bereits Aida auf ihn – sie hat sich verborgen, um gemeinsam mit ihm zu sterben. Die beiden Liebenden verbringen ihre letzten Momente miteinander, während über ihnen im Tempel die Priester singen und Amneris, die ägyptische Prinzessin, die Radames liebte, auf dem Stein kniet, der die Gruft versiegelt. Der Tod kommt langsam, durch Sauerstoffentzug – und Verdi hat diesem Moment eine der zärtlichsten und längsten Sterbeszenen der Operngeschichte gewidmet.
Küssen eines abgeschlagenen Kopfes: Salome
Richard Strauss’ Salome (1905) gipfelt in einer Szene, die bei der Uraufführung das Publikum entsetzt und die Zensur auf den Plan gerufen hat: Salome, die Stieftochter des Herodes, hat durch ihren berühmten Tanz der sieben Schleier den Kopf Johannes des Täufers als Lohn gefordert. Als man ihr das Haupt auf einer Silberschale überreicht, küsst sie es auf den Mund. Was folgt, ist eine der radikalsten Arien der Opernliteratur – ein Monolog im Angesicht des Todes, der zugleich Liebeserklärung, Triumph und Wahnsinn ist. Herodes, von Grauen gepackt, befiehlt ihre Hinrichtung: „Man töte dieses Weib!“ Salome wird von den Schilden der Soldaten erdrückt. Ein Tod, der kein konventionelles Sterben ist, sondern die logische Konsequenz einer Figur, die sich von Anfang an jenseits aller gesellschaftlichen Grenzen bewegt hat.
Im Sack: Gilda in Rigoletto
In Verdis Rigoletto (1851) stirbt die Titelheldin Gilda auf eine Weise, die zum bittersten Missverständnis der Opernliteratur gehört. Ihr Vater Rigoletto hat beim Meuchelmörder Sparafucile den Tod des Herzogs bestellt – doch Gilda, die den Herzog trotz allem liebt, opfert sich an seiner Stelle. Sie bittet Sparafucile, sie zu erstechen, und wird sterbend in einen Sack genäht, den Rigoletto als vermeintliche Leiche des Herzogs übernimmt. Als er den Sack öffnet und in der Dunkelheit die Stimme seiner Tochter hört, bricht die Welt des Hofnarren zusammen. Gilda stirbt in seinen Armen – das Opfer eines Plans, den sie selbst durchkreuzt hat. Der Tod im Sack ist vielleicht die grausamste dramaturgische Pointe, die Verdi je erdacht hat.
Ertrinken bei der Suche nach dem Messer: Wozzeck
Alban Bergs Wozzeck (1925) nach Georg Büchners Dramen-Fragment gehört zu den bedrückendsten Werken der Opernliteratur – und sein Ende ist von einer fast surrealen Folgerichtigkeit. Der einfache Soldat Wozzeck hat seine Geliebte Marie im Wahnsinn erstochen. Er kehrt zur Mordstelle zurück, um das Messer zu verstecken, und watet immer tiefer ins Wasser – bis er ertrinkt. Ob es Selbstmord ist, ein Unfall oder der Zusammenbruch eines gebrochenen Mannes, lässt Berg bewusst offen. Dem Ertrinken folgt eine der berühmtesten Zwischenspiele der Opernliteratur: ein orchestrales Requiem, das Wozzecks ganzem Leben gilt. Und dann der letzte Schlag: Wozzecks Kind spielt ahnungslos weiter, während andere Kinder ihm zurufen, seine Mutter sei tot.
Tod durch Wahnsinn: Lucia di Lammermoor
Gaetano Donizettis Lucia di Lammermoor (1835) hat eine der berühmtesten Sterbeszenen der gesamten Opernliteratur hervorgebracht: die große Wahnsinnsszene. Lucia, zur Ehe mit einem Mann gezwungen, den sie nicht liebt, tötet ihren Gatten in der Hochzeitsnacht, erscheint blutbespritzt in der Gesellschaft und sinkt in einen Wahnsinn, aus dem sie nicht mehr zurückkehrt. Ihr Tod ist kein gewaltsamer – sie stirbt an gebrochenem Herzen, an der Erschöpfung des Wahnsinns, an der Zerstörung von innen. Was den Tod so exotisch macht, ist die Art, wie Donizetti ihn musikalisch abbildet: in der Wahnsinnsszene singt Lucia mit einer Glasharmonika (in der Originalfassung), deren gläserner Klang die Dissoziation von der Wirklichkeit hörbar macht. Es ist einer der frühesten und eindrucksvollsten Versuche der Operngeschichte, einen psychischen Zusammenbruch in Musik zu übersetzen.
Tanzen bis zum Tod: Elektra
Den vielleicht seltsamsten Tod der gesamten Opernliteratur stirbt die Titelheldin in Richard Strauss’ Elektra (1909): Sie tanzt sich zu Tode. Nachdem ihre Mutter Klytaimnestra und deren Geliebter Aigisth von Elektras Bruder Orest getötet worden sind und die Rache damit vollzogen ist, bricht Elektra in einen rauschhaften, ekstatischen Tanz aus – einen Triumphgesang ohne Worte, eine körperliche Entladung aller aufgestauten Energie ihres von Hass und Warten erzählten Lebens. Dann bricht sie zusammen und ist tot. Hugo von Hofmannsthal und Strauss lassen offen, woran sie stirbt – an Überwältigung, an Erschöpfung, am Ende des einzigen Zwecks, der sie am Leben gehalten hat. Es ist ein Tod, der keine äußere Ursache hat, sondern ganz von innen kommt: Der Mensch, der nur noch aus Rache besteht, hat nach der Rache keinen Grund mehr zu existieren.
Quelle: Wikipedia








