Foto: Tatyana Vlasova

CD des Monats

Elle: Französische Opernarien

Marina Rebeka, Sinfonieorchester St. Gallen, Michael Balke

Label: Prima Classics, Vertrieb: Indigo
1 CD

Eine klassische Bohème-Geschichte. Gustave Charpentiers Oper Louise handelt von der Liebe eines einfachen Arbeitermädchens zu einem Maler, eine Beziehung, die vor allem von der Mutter nicht geduldet und möglichst unterbunden wird. Im dritten Akt singt Louise sehnsuchtsvoll „Depuis le jour, où je me suis donnée“. Mit dieser Arie eröffnet die lettische Sopranistin Marina Rebeka ihr neues Album mit französischem Repertoire. Das warme Timbre ihrer Stimme betört schon in den ersten Takten, wandelt sich rasch, wenn es an Helligkeit gewinnt und wenig später auf einem ersten Höhepunkt im Forte mündet – hier schwingt ihr Vibrato wunderbar gleichmäßig. Rebeka singt das berührend echt: empfindsam, lyrisch, entschlossen. Sie formt die Nasale deutlich, aber nie übertrieben, sie arbeitet kleine Verzögerungen behutsam heraus, findet sich auch in den leisen Passagen glänzend zurecht, kann die Dynamik bruchlos verändern. Es ist die Gleichartigkeit verschiedener Faktoren, die hier zum Erfolg führt: eine mühelos beherrschte Technik, eine Authentizität des Ausdrucks und die Vielfalt an Farben. Bevor man zu den beiden folgenden Arien aus Jules Massenets Hérodiade und Le Cid übergeht, drückt man am besten gleich auf die Wiederholungstaste und hört Louise ein zweites Mal singen.

Es ist bereits Rebekas drittes Solo-Album, nach dem italienischen Spirito-Programm und einer Rossini-CD. Nicht zu vergessen ihre Traviata-Produktion, die ebenfalls von Michael Balke geleitet wurde. Der dirigiert nun das Sinfonieorchester von St. Gallen, wo er seit Sommer 2018 als Erster Ständiger Gastdirigent fungiert. 13 Arien umfasst Elle, neben der unverzichtbaren Carmen und den Pêcheurs de perles gibt es Ausschnitte aus Manon und zweimal Thaïs sowie Arien von Gounod und schließlich eine Sequenz aus L’enfant prodigue, der Scène lyrique von Claude Debussy. Man kann jeden Track nach Belieben ansteuern und findet immer wieder bestätigt, was sich mit Louise angedeutet hat: Rebeka singt diese Arien nicht, sie durchlebt sie. Als Chimène etwa in Le Cid: „De cet affreux combat… Pleurez, pleurez mes yeux“ erweist sich als exemplarisches Beispiel hoher Gesangskunst, vor allem dank kleiner Schattierungen und ständiger Farbwechsel, vom rezitativischen Beginn bis zum Finale, das Entrüstung und Trauer gleichermaßen offenbart und das Rebeka mit gleißender Strahlkraft und bronzener Tiefe gestaltet. Das Besondere ist, dass die Stimme auch in Rand-Regionen gleich intensiv klingt, ohne auszufransen und ohne an glühendem Kern einzubüßen. Das zieht sich durch bis zum letzten Takt dieser Einspielung, der Arie „Dieu! Quel frisson... Amour ranime mon courage“ aus Roméo et Juliette. Noch einmal verbinden sich Dramatik und lyrische Innigkeit auf exemplarische Weise.

Das St. Gallener Sinfonieorchester trägt die Sängerin sanft über alle Gefühle und Situationen hinweg, begnügt sich aber nicht mit reinen Begleitaufgaben. Michael Balke verdichtet das instrumentale Geschehen so, dass es mit Marina Rebeka zu einer Einheit verwächst, ob in zarten Momenten des Klagens oder in Augenblicken leidenschaftlichen Glühens. Das größte Plus ist wohl, wie sehr die Aufnahme von der Konstanz der eingesetzten Mittel lebt und wie sehr sich diese natürlich und organisch fügen. Eine in allen Belangen gelungene, überzeugende, ja begeisternde Aufnahme.

Christoph Vratz