Editorial

Foto: Simon Pauly

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Alles Gute kommt von oben?

Die Deutsche Oper Berlin und die Staatsoperette Dresden erlitten im letzten Jahr schwere Wasserschäden. Brauchen deutsche Opernhäuser einen verbesserten Brandschutz, der ein Fünf-Tausend-Euro-Feuer nicht gleich mit einer Fünf-Millionen-Maßnahme löscht?

Alles Gute kommt von oben? Nicht immer! An Heiligabend vergangenen Jahres sollte an der Deutschen Oper Berlin eigentlich nur das Licht von oben kommen. Doch der von zwei Reinigungskräften falsch betätigte Schalter aktivierte die Sprühwasserlöschanlage und Tausende von Litern Wasser regneten vom Dach des Schnürbodens. Durch alle Etagen der Beleuchtungsmaschinerie hindurch, um schließlich in der Unterbühne einen veritablen See zu bilden. Ein Ereignis von nicht einmal fünf Minuten, doch ein Schaden von knapp 5 Millionen Euro. Inzwischen ist die technische Bühnenausstattung längst wieder so funktionstüchtig wie zuvor. Doch mussten dafür Elektronik und Technik komplett erneuert werden, weil sie entweder nicht mehr zu retten waren oder, einmal wasserbeschädigt, nicht mehr versichert wurden. Besonders ärgerlich: Die Bühne war kurz vorher komplett saniert worden, das Wasser hatte eine quasi nagelneue Ausstattung zerstört.

Ein ähnliches Szenario ein gutes Jahr zuvor an der Staatsoperette Dresden: Auch hier hatte die – allerdings aus anderem Grund – versehentlich in Gang gesetzte Löschanlage die Bühne des frisch sanierten Hauses ruiniert. Die keineswegs unerheblichen Kollateralschäden: Schließtage, dann ein nur langsam wieder anlaufender, eingeschränkter Spielbetrieb mit szenisch reduzierten Fassungen sowie ein verunsichertes Publikum, das nur zögerlich oder überhaupt keine Karten für die nächsten, womöglich halbkonzertant dargebotenen Aufführungen kaufen wollte. Brauchen deutsche Opernhäuser einen verbesserten Brandschutz, der ein Fünf-Tausend-Euro-Feuer nicht gleich mit einer Fünf-Millionen-Maßnahme löscht? Alternativlösungen gäbe es! Dem Thema Brandschutz und Wasserschäden gehen wir in dieser Ausgabe nach.

Zu Zeiten als es in Opernhäusern und Theatern regelmäßig brannte, wurde Musik gespielt, die erst in den letzten Jahren und Jahrzehnten wieder neu entdeckt wurde: die sogenannte Alte Musik. Aus den Archiven gehoben von den Liebhabern dieser besonderen Literatur, ist sie seit Anbeginn ein Feld für Spezialisten und Ensembles, die sich explizit der historisch informierten Aufführungspraxis widmen. Aus gutem Grund. Denn sowohl Musizierweise als auch Instrumentarium sind anders als beim üblichen Opern- oder Sinfonieorchester – zum Zeitpunkt des Revivals sowieso, aber auch heute noch. Die Verpflichtung von Spezialisten im normalen Opernbetrieb macht insofern durchaus Sinn, auch wenn die Hausorchester sie oft als Konkurrenz empfinden. Die Ansprüche seitens des Publikums an die Aufführungspraxis sind gestiegen und werden sich in Zukunft hoffentlich auch noch auf spätere Epochen und Jahrhunderte ausdehnen. Hier ist noch viel Land zu gewinnen. Über den verstärkten Einsatz von Alte-Musik-Ensembles im normalen Opernbetrieb handelt unser Themenbeitrag für diesen Monat.

Wussten Sie, dass Gerald Finley, der kanadische Bariton, den man an den großen Bühnen inzwischen als Sachs, Scarpia, Amfortas und in diesem Monat an der Bayerischen Staatsoper als Jago im neuen Otello (neben Jonas Kaufmann und Anja Harteros) erleben kann, als Chorknabe angefangen hat und u.a. mit Nikolaus Harnoncourt, Roger Norrington und Simon Rattle der Alten Musik verbunden geblieben ist? Mit Finley haben wir für die vorliegende Ausgabe ein aufschlussreiches Interview geführt, ebenso wie mit dem Bariton Etienne Dupuis, dem Tenor René Barbera und Kari Kahl-Wolfsjäger. Letztere eine Impresaria, wie sie im Buche steht! Ein echter „Kunstkopf“. Und als solchen stellen wir sie Ihnen gerne vor.

Herzlich, Ihr Ulrich Ruhnke