Editorial

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Lockdown und kein Ende

Mit der Lockdown-Verlängerung beginnt der Spielbetrieb vielerorts frühestens erst wieder nach Ostern. Die Folgen sind absehbar: Pläne müssen umgestellt, Premieren verschoben oder abgesagt werden, Kleinformate ersetzen große Oper. Im schlimmsten Fall bleiben die Bühnen aus Kostengründen gleich für den Rest der Spielzeit dunkel. Dabei ginge es auch anders, denn Theater könnten relativ corona-sicher spielen. Aus der Shutdown-Not machen viele indes eine digitale Tugend und entwickeln neue Formate fürs Digital-Zeitalter.

Der Albtraum für freischaffende Bühnenkünstler und Opernbesucher hört nicht auf. Nach Lockdown, Lockdown light, Wellenbrecher- Lockdown und hartem Lockdown jetzt der Mega- Lockdown. Und trotzdem ist kaum Besserung in Sicht. Zumindest was die Situation der Opernhäuser und damit der an ihnen engagierten freien Opernsänger und des interessierten Publikums anbelangt. Anfang des neuen Jahres strich ein Theater nach dem anderen die Segel, der Spielbetrieb wird ausgesetzt bis mindestens Ende März, wahrscheinlich sogar länger. Am ehrlichsten kommunizierte die Semperoper und sagte gleich die komplette Spielzeit ab, ergänzt durch den Zusatz, dass man an einem Ersatzspielplan für den Zeitraum von April bis Juli arbeite. Wie der aussieht, oder ob er überhaupt zustande kommt, steht allerdings noch in den Sternen.

Große Opern – davon ist auszugehen – wird es weder in Dresden noch anderswo kaum geben (Ausnahme vielleicht die Siegfried-Premiere an der Deutschen Oper Berlin mit täglichen Corona-Tests für Orchestermusiker, Sänger und Regieteam – so, wie man es auch schon bei der Walküre im September getan hat). Eher zu erwarten ist – wie im letzten Jahr – die Programmierung von coronakonformen Kleinformaten vor einem Minimum an Zuschauern. Sollte es dabei als einziger Option bleiben, wird der ein oder andere Theatergeschäftsführer sich erneut vor die Frage gestellt sehen, ob es im Hinblick auf die Kostenrechnung nicht sinnvoller wäre, das Haus gleich bis zum Beginn der neuen Spielzeit im Herbst geschlossen zu halten. Das Impfangebot der Bundesregierung an alle Impfwilligen ist inzwischen ohnehin schon vom Sommer auf das Ende des Sommers verschoben worden. Da mit weiteren Verzögerungen zu rechnen ist, wird es auch weitere negative Auswirkungen auf den Opernbetrieb geben. Als Peter Gelb, Intendant der Metropolitan Opera in New York, vergangenen September verkündete, sein Haus bliebe pandemiebedingt für die nächsten zwölf Monate geschlossen, war das Entsetzen und die Missbilligung hierzulande groß. Nun ist man selbst dabei, es soweit kommen zu lassen.

Mehrere Studien (siehe dazu auch unsere Meldungen) zeigen, dass ein Spielbetrieb in Opern- und Konzerthäusern mit bis zu 50-prozentiger Zuschauerauslastung auch jetzt schon ohne Infektionsgefährdung möglich wäre. Die gegenwärtige Coronapolitik freilich folgt einer komplett anderen Logik und agiert mit grobem Instrumentarium, das eine Feinbehandlung einzelner Bereiche nicht vorsieht. Wenngleich auch in der aktuellen Lage natürlich immer wieder Ausnahmen gemacht werden, beispielsweise für Gottesdienste. Während in den großen Opernhäusern etwa von Madrid und Barcelona unter strengen Sicherheitskonzepten nahezu reguläres Programm sogar mit großbesetzten Werken gemacht wird, bekommt man hierzulande vor allem Politiker zu hören. Mit vollmundigen (Öffnungs-) Forderungen und verständnisvollen Worten werden bei den Betroffenen zwar fleißig Sympathiepunkte gesammelt, doch weder die sich besonders laut (und bereits im Wahlkampfmodus befindlichen) Kultursenatoren von Berlin und Hamburg, noch der Deutsche Kulturrat können zur Verbesserung der aktuellen Situation noch groß etwas beitragen, zu gering ist ihre Macht. Immerhin, man denkt in die Zukunft, und was Klaus Lederer (Berlin) und Carsten Brosda (Hamburg) derzeit überlegen und prüfen lassen, könnte sich eines besseren Tages und für spätere Generationen auszahlen. Die aktuelle, das muss man leider so sagen, scheint bereits abgeschrieben zu sein – selbst, wenn sie von möglichen neuen Finanzhilfen doch noch ein Scherflein abbekommt. Doch dazu mehr in unserem Beitrag ab Seite 32.

Die ernüchternde Realität, mit der sich freischaffende Künstler derzeit konfrontiert sehen, war übrigens selten besser – zumindest, wenn man den Gedanken des Autors und Regisseurs Milo Rau folgt. Der gebürtige Schweizer, der seine Arbeiten gerne mit der Gegenwart durchtränkt und in seinem aktuellen Film Das Neue Evangelium die Jesus-Geschichte zu einer Passionsgeschichte von Flüchtlingen und Unterdrückten transformiert, inszeniert in Genf nun mit Mozarts La clemenza di Tito seine erste Oper. Was er uns im Interview erzählt hat, lässt inhaltlich einiges erwarten. Wie die szenische Umsetzung gelungen ist, wird sich natürlich erst noch zeigen. Nach aktuellem Stand wird das Anfang März sein, wohin die ursprünglich für den Februar vorgesehene Premiere verschoben wurde. Doch nicht alles ist schlecht in Corona- Zeiten. Während viele große und mittlere Opernhäuser sich zu halben Sende- und Streaming-Anstalten entwickelt haben, bei denen die Übertragung des analogen Erlebnisses Oper in den digitalen Raum zwar nicht immer gelingt, die Kunstform aber immerhin präsent und erlebbar gehalten wird, kommen aus England und Irland zusätzliche Signale. An der Grange Park Opera knüpfte man mit Owen Wingrave von Benjamin Britten an der guten alten Fernsehoper aus den 50er-Jahren an, wohingegen ausgerechnet die kleine Irish National Opera mit 20 Shots of Opera einen Schritt weitergeht und explizit handyformattaugliche, überaus inspirierte digitale Opernclips produziert hat. Auch hierüber lesen Sie in der vorliegenden Ausgabe. Ich wünsche eine anregende Lektüre!

Herzlich, Ihr Ulrich Ruhnke