Editorial

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Solidarität gefordert: in – und nach – der Krise

Die Coronavirus-Pandemie ist derzeit das beherrschende Thema. Die Musiktheater sind durch sie weitgehend lahmgelegt. Das trifft am härtesten die freischaffenden Kreativen – und offenbart die strukturelle Selbstausbeutung, die viel zu oft die Regel im Opern- und Theaterbetrieb ist.

Stellen wir uns vor, es ist Juli, August, die Lage hat sich soweit entspannt, dass wir uns wieder frei bewegen dürfen. Die Ausgangssperren sind aufgehoben, man darf sich endlich wieder begegnen, darf ins Restaurant, zum Sport, ins Theater und in die Oper. Wäre es da nicht großartig, wenn die Opernhäuser geöffnet hätten, anstatt ausgerechnet zu dieser Zeit in ihre alljährliche Sommerpause zu verschwinden? Premieren und Vorstellungen, die wegen der Corona-Pandemie jetzt abgesagt werden, könnten nachgeholt werden. Das kulturausgehungerte Publikum würde sich freuen und die längst schon durchgeplante nächste Spielzeit würde entlastet werden. Was aktuell nicht stattfinden kann, wird sich in der ohnehin schon vollen Saison 2020/21 nicht vollständig noch unterbringen lassen.

Den Kollektiven wie Chor und Orchester kann das einigermaßen egal sein, zumindest aus privater Sicht. Sie werden ihr Gehalt weiterbeziehen, so wie alle Festangestellten im Operngeschäft mit seinem personalintensiven Verwaltungs- und Werkstättenbetrieb. Doch was ist mit den Freiberuflern, den Sängerinnen und Sängern, den Regisseuren, Bühnen- und Kostümbildnern, den freien Regieassistenten, Souffleuren, Maskenbildnern und überhaupt all jenen, die nur einen Gastvertrag haben? So weltverbesserisch das Theater sich auch gerne gibt, so anachronistisch sind nicht nur seine autoritären Führungsstrukturen nach Gutsherrenart, so zynisch sind auch die innerbetrieblichen Umgangsformen: Du bist krank, du kannst nicht singen? Pech gehabt, Augen auf bei der Berufswahl! Die Corona-Pandemie löscht deine sämtlichen vereinbarten Engagements? Nicht unser Problem!

Wie gigantisch die Missstände im Kulturbereich sind, wurde wohl niemals deutlicher als in diesen Zeiten der Krise. Ebenso wenig wie die Verlogenheit des Betriebs. Da muss man doch allen Ernstes Mitte März in der Pressemitteilung der Staatsoper Unter den Linden in Berlin lesen, dass für die aus gesundheitlichen Sicherheitsmaßnahmen vor leerem Haus, aber live im Internet übertragene Carmen-Vorstellung alle Künstler auf ihre Gage verzichten – so verkündete man stolz! Die Vorstellung, das muss man dazu wissen, war ursprünglich keineswegs als Wohltätigkeits-Gala, sondern als reguläre Aufführung geplant. Hochkarätig besetzt mit Anita Rachvelishvili, Michael Fabiano und Daniel Barenboim. Nun werden gerade diese drei Künstler nicht unbedingt am Hungertuch nagen, und Barenboim ist an das Haus ohnehin vertraglich fix gebunden. Aber was ist mit den beiden großen und all den kleineren Protagonisten, die sich hier verdingen mussten und denen auch noch alle folgenden Vorstellungen abgesagt wurden? Die Branche ist Meister darin, Solidarität und Unterstützung zu fordern, selbst aber verhält sie sich gegenüber denjenigen, die sie tragen, viel zu oft viel zu verantwortungslos. Sogar unter den Künstlern selbst mangelt es vielfach an Kollegialität, die tariflich Abgesicherten wollen in ihren Sommerurlaub, die Freien lieber arbeiten, um die Miete zahlen zu können. Es ist zu wünschen, dass in der Zeit nach Corona die Betroffenen noch oder erst recht so viel Energie haben, um eine Verbesserung ihrer Situation herbeizuführen.

Um die größte Not der in wirtschaftliche Bedrängnis geratenen freiberuflichen Sängerinnen und Sängern sowie weiteren Beschäftigten des Musiktheaters zu lindern, hat OPER! in Kooperation mit der Manfred Strohscheer Stiftung den Nothilfefonds „Sängerhilfe“ ins Leben gerufen. Nähere Infos finden Sie unter www.saengerhilfe.de. Hier können Betroffene das Antragsformular herunterladen, Spenden sind natürlich ebenfalls willkommen!

Trotz aller Widrigkeiten: Bleiben Sie der Oper treu! Und vor allem: Bleiben Sie gesund! Wenn alles vorbei ist, wird es eine Sehnsucht nach Kultur und Leben geben wie lange nicht mehr. Und von redaktioneller Seite aus werden wir Ihnen dann auch endlich wieder verlässliche Daten liefern können. Ob und wann welche Premieren und Vorstellungen wirklich stattfinden, stand bei Redaktionsschluss fast überall noch nicht fest. Wir haben, sofern es uns möglich war, jeweils den aktuellsten Stand berücksichtigt, doch mag der angesichts der Dynamik der Entwicklungen im April schon wieder ganz anders aussehen.

Herzlich, Ihr Ulrich Ruhnke