Editorial

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Alle Jahre wieder

Komponisten-Jubiläen gehören wohl zu den unoriginellsten, gleichwohl beliebtesten Spielplangestaltungselementen. Auch über den Kanon der Künstler herrscht breiter Konsens. Bewertungsveränderungen gibt es, doch zeigt sich der Betrieb hier so konservativ wie jede andere Glaubensgemeinschaft auch. Dazu gehört die feste Einsortierung von Jacques Offenbach, dessen Geburtstag sich am 20. Juni zum zweihundertsten Mal jährt, in die Schublade der nicht ganz ernst zu nehmenden leichten Muse. Dabei gäbe es unter seinen fast 140 Musiktheaterwerken noch so manchen Schatz zu heben - wäre da nicht die öde deutsche Spielplan-Monokultur!

Spielzeit-Mottos und Komponisten-Wochen als partielle Werkschau eines einzigen Tonsetzers gehören neben den zum Anlass genommenen Jubiläen zu den unoriginellsten, ob ihrer erprobten Wirksamkeit gleichwohl beliebtesten Spielplangestaltungselementen nicht nur an deutschen Opernhäusern. Auch über den Kanon der Künstler, deren Jubiläum einer Würdigung Wert erachtet wird, herrscht breiter Konsens. Bewertungsveränderungen diesbezüglich gibt es, doch zeigt sich der Betrieb hier so konservativ und schwerfällig wie jede andere Glaubensgemeinschaft auch. Und dazu gehört in der Oper die fest eingeübte Einsortierung von Jacques Offenbach in die Schublade der nicht ganz ernst zu nehmenden leichten Muse. Klar – wer den Kopf voll schwerer Gedanken hat, dem mag Witz und Ironie und damit auch die Möglichkeit, sich in die Grundmelodie von Offenbachs Werken einzuschwingen, verlorengegangen sein. Es verwundert deswegen leider ganz und gar nicht, dass das Kölner Genie Jacob Offenbach, der als Jacques Offenbach im damaligen Zentrum der Musiktheaterwelt Paris heftig umjubelt wurde, in diesem Jahr nur sehr spärlich gefeiert wird, selbst wenn sich am 20. Juni zum zweihundertsten Mal sein Geburtstag jähren wird. Sein Hoffmann oder Orpheus in der Unterwelt werden am ehesten ins Programm genommen. Weil die Stücke auch außerhalb des Jubiläums mal wieder an der Reihe wären und man mit ihnen ohnehin nichts falsch machen kann. Dabei gäbe es unter seinen fast 140 Musiktheaterwerken noch so manchen Schatz zu heben. Auch der Hilfe des wohl größten Offenbach-Kenners, Jean-Christophe Keck, der als Herausgeber die Offenbach Edition Keck tapfer fortschreibt und seinerseits Unterstützung vom unermüdlich hinter der Sache stehenden Verlags-Dramaturgen Frank Harders-Wuthenow bei Boosey & Hawkes erhält, dürfte sich jeder ernstlich an Offenbach Interessierte gewiss sein. Doch statt mit Neugierde und jenem Vorschuss an Vertrauen, wie er auch anderen Komponisten und ihren neu zu entdeckenden Werken bei Jubiläumsgelegenheit entgegengebracht wird, hält man sich bei Offenbach schwer bedeckt. Das Argument der Kosten, die auf die Opernhäuser mit der Aufführung des neu herausgegebenen Materials zukommen, dürfte bestenfalls die halbe Wahrheit sein. Risikoscheu und besagte Glaubenssätze der Kunstkirche wahrscheinlich der größere Teil.

Wie sonst wäre es zum Beispiel auch zu erklären, dass ein Werk wie Francesco Cileas Adriana Lecouvreur an den ersten deutschen Bühnen schon seit Ewigkeiten nicht mehr gespielt wurde? Szenisch, wohlgemerkt! Nicht konzertant in zwei Aufführungen als billiges Zugeständnis an jenen Teil des Publikums, den man „notgedrungen“ auch irgendwie mitschleppen muss. Das Stück ist ein hanebüchener Schmachtfetzen, von Helmut Lachenmanns Mädchen mit den Schwefelhölzern beispielsweise soweit entfernt wie Anna Netrebko von Deutschkenntnissen. Aber soll man Adriana Lecouvreur deswegen nicht mehr spielen? Ist man sich dafür zu fein, droht bei Rezeption des Werkes die intellektuelle Verunreinigung? Soll Anna Netrebko mit Untertitel-Hilfe nicht trotzdem eine umwerfende Elsa im Lohengrin singen dürfen (wie sie es in Dresden getan hat)? Gerade hat eben diese Sängerin in weiterer Traumbesetzung mit Anita Rachvelishvili und Piotr Beczała in New York Cileas Oper triumphal zur Aufführung gebracht (siehe Premierenbericht in der vorliegenden Ausgabe).

Überhaupt – die ganze Welt spielt dieses Werk, spielt solche Werke. Nur nicht Deutschland. Warum? Läuft hier was falsch? Vielleicht ist die öde deutsche Spielplan-Monokultur ja auch ein hausgemachtes Problem.

Herzlich, Ihr Ulrich Ruhnke