Editorial

Editorial

Beethoven, aber wie?

Am grimm dreinschauenden Meister führt 2020 eigentlich kein Weg vorbei. Die Bonner haben es dennoch geschafft, von der Wiedereröffnung der Beethovenhalle kann keine Rede sein. Was auch grundlegendere Fragen aufwirft: etwa danach, wie sich Musiktheater-Architektur heute überhaupt präsentieren sollte – schließlich sind die meisten Bauten in Deutschland mittlerweile gut in die Jahre gekommen und bedürfen der Generalüberholung.

Die Bonner und ihr Beethoven, das ist nicht immer nur eine Liebesbeziehung. Unkenntnis, Gleichgültigkeit, gar Antipathie schlagen dem großen Sohn aus seiner Heimatstadt heute vielfach entgegen. Zwar gibt es auch eine kleine beethovenphile Gemeinde, doch ist deren Einfluss offenkundig nicht so groß, um auch Großes durchsetzen zu können. Jahre lang, fast ein ganzes Jahrzehnt, haben engagierte Bürger, Fördervereine und Unternehmen dafür gekämpft, der ehemaligen bundesrepublikanischen Hauptstadt zu ihrem ersten veritablen Konzerthaus zu verhelfen. Dabei immer im Blick: das Jahr 2020, in dem sich der Geburtstag Beethovens zum 250. Mal jährt. Zwar hat der Komponist seine wichtigsten Werke in Wien und anderswo komponiert, aber er wurde in Bonn geboren und hat hier das erste Drittel seines Lebens verbracht. Etwas mehr als die betonparadiesige, nach ihm benannte Mehrzweckhalle aus den 1950er-Jahren wäre die Stadt ihrem König Ludwig also schon schuldig. Doch rheinische Gemütlichkeit und die Gruppe der Fahrbereiten, denen die schöne und akustisch tadellose Philharmonie im benachbarten Köln für besondere Konzerte genügt und die örtliche Beethovenhalle für den Hausgebrauch ausreicht, haben obsiegt. Und damit der kleinste gemeinsame Nenner: die Entscheidung zur Grundsanierung der bestehenden Beethovenhalle. Seit 2016 schläft sie hinter Bauzäunen und Planen, die ursprünglich schon 2018 dem roten Teppich zur Wiedereröffnung weichen sollten. Doch wie so oft zeigen sich erst mit Beginn der Renovierungsarbeiten die echten Horrorbefunde, und aus zwei werden nach jetzigem Stand mindestens sechs Sanierungsjahre für 166 statt der ursprünglich kalkulierten 60 Millionen Euro. Ein Kostengespenst, dem mit der ebenfalls maroden Oper Bonn gleich das zweite zu folgen dräut.

Über 60 Jahre nach der Wiederherstellung kriegsbeschädigter Kulturimmobilien oder deren Errichtung als kompletter Neubau kommen diese Häuser jetzt in die Jahre. Überall in der Republik öffnen sich derzeit die Instandhaltungsgräber, denen die Politik und Haushalter die eigentlich notwendige regelmäßige Pflege jahrzehntelang vorenthalten haben. Nicht nur im Hinblick auf die bisherigen Negativerfahrungen mit Generalsanierungen und explodierenden Kosten stellt sich die Frage: instand setzen oder abreißen und neu bauen? Zumal die Anforderungen an ein Opernhaus heute grundlegend andere sind als früher, auch als in den 50er- und 60er-Jahren. Das Operntheater von heute muss nicht nur arbeitstechnisch ganz anderen Ansprüchen genügen, auch gesellschaftlich soll es eine komplett veränderte Rolle spielen, als ganztägig geöffneter, von nicht nur opernaffinen Menschen genutzter öffentlicher Raum, der seinem (potenziellen) Publikum permanent positiv begegnet. Die Zeiten der architektonisch wehrhaften Gralsburgen, die sich nur in den Abendstunden zur Zelebration der heiligen Kunst öffnen, sind jedenfalls vorbei. Doch lesen Sie mehr dazu in unserem Themenbeitrag.

Ein Gedanke, der in der Diskussion um die Sanierung oder den Neubau eines Opernhauses regelmäßig unterschlagen wird, ist die Auswirkung der Entscheidung auf die Kunst. Damit sind nicht die Uralt-Schlachten um Guckkasten- oder Arenabühne gemeint, sondern der Effekt, dass eine die Menschen ansprechende Architektur und ein erweiterter Nutzungszweck auch den gegenwärtigen Überdruck im Kessel der Kunstproduktion etwas reduzieren könnten. Wenn einzig und allein der Kunst die Aufgabe aufgebürdet wird, die Menschen in Massen zu mobilisieren, so ist das zwar ein sehr hehrer Gedanke, aber leider nicht menschengemäß gedacht. Das Museum – von vielen Opernverantwortlichen allzu leichtfertig als Schimpfwort benutzt – ist der Oper hier schon Jahrzehnte voraus und weiß, dass zu Kunstbetrachtung immer auch das Umfeld gehört – und lockt. In dem Sinn gilt es durchaus zu fordern, dass Opernhäuser mehr zu Museen werden müssen. Das würde dem Publikum dann hoffentlich auch eine so kunstferne Verzweiflungstat ersparen, wie sie jüngst an der Oper Bonn geschehen ist, wo man am Neujahrstag mal so richtig hip sein wollte und einen als Regisseur sein Geld verdienenden Polit-Agitator Beethovens Fidelio in eine Demo verwandeln ließ. Das zahlende Publikum, das vielleicht auch wegen der Musik gekommen war, wollte sich jedenfalls nicht zwangssolidarisieren lassen und hat das Geschehen entsprechend kommentiert, auch durch Verlassen der Vorstellung. Welche aktuellen Premieren dagegen relevant und diskutabel waren, positiv wie negativ, lesen Sie in der vorliegenden Ausgabe. Ich wünsche eine anregende Lektüre!

Herzlich, Ihr Ulrich Ruhnke