Editorial

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Neu oder schon normal?

Viel ist momentan im Fluss: Opernhäuser suchen nach einem Modus operandi, um in Nach- oder Mit-Corona-Zeiten wieder spielen zu können. Kleinformatig, auf Abstand, modifiziert. Im Fluss sind aber auch gesellschaftliche Entwicklungen: Black Lives Matter hat das Thema Rassismus auf die Tagesordnung befördert. Auch die Kunstform Oper muss ihre Praktiken überprüfen.

Als Jessye Norman sich 1969 für ihr Debüt als Elisabeth in Richard Wagners Tannhäuser an der Deutschen Oper Berlin fertig machte, schminkte man das Gesicht der dunkelhäutigen Sopranistin weiß. Bevor 1973 der weißhäutige Jon Vickers für die Verfilmung von Giuseppe Verdis Otello vor die Kameras trat, legte man dem Sänger des „Mohren von Venedig“ ganz selbstverständlich mit Schminke ein schwarzes Gesicht auf, das war normal.

Was ist heute normal? Weder Whitefacing noch Blackfacing, dafür ein erheblich sensiblerer Umgang mit der Frage, ob man einen Darsteller schminken darf, um ihn auf der Bühne als Angehörigen einer anderen Ethnie auszuweisen. Im Opernbereich wird die Diskussion zumeist an Verdis Titelheld festgemacht und hat inzwischen annähernd den Status eines Tabus erreicht, das zumindest von denjenigen behauptet wird, für die „ethnisches Schminken“ ein absolutes No-Go ist. Doch der Sachverhalt ist diffizil. Sowohl bei Shakespeare als auch bei Verdi sind Otellos Zugehörigkeit zu einer anderen Völkergruppe und seine schwarze Hautfarbe als äußerliches Zeichen davon der Nukleus des gesamten Dramas. Natürlich ist das tieferliegende Thema das des Außenseitertums, doch seine geradezu ins Auge springende, nicht zu verdeckende Sichtbarkeit ist mindestens gleichermaßen bedeutsam. Ebenso wie seine negative Konnotation. Es ist nachvollziehbar, dass Menschen dunkler Hautfarbe keine Theaterfigur sehen möchten, die in Raserei und Mord gerät, weil sie schwarz ist und eben das, ebenso wie ihre Umwelt, als maximalen Makel empfindet. Was also tun, wenn die Äußerlichkeit wichtig, die damit ursprünglich aber transportierte (Mit-)Bedeutung heute nicht mehr so akzeptiert werden kann? Einfach auf das Blackfacing verzichten, es einem ebenso säkularen Ikonoklasmus aussetzen wie es derzeit (und auch früher schon) manche zu Recht in Unehren geratene Denkmäler sind?

In der Bildenden Kunst stehen wir regelmäßig vor Werken, die uns gleichermaßen begeistern wie abstoßen. Letzteres weil sie Werte zeigen, die für uns heute untragbar geworden sind. Müssen wir irgendwann die Pyramiden von Gizeh sprengen, weil sie uns zum Staunen bringen, aber vielleicht durch Sklavenarbeit errichtet wurden? Oder gelingt uns die gedanklich herausforderndere Herangehensweise, in der Betrachtung die Zeitgebundenheit des Angeschauten zu erkennen, deren mitüberlieferte Werte und Weltanschauung in manchen Punkten glücklicherweise überwunden sind? Auf eine kritische Kommentierung sollte in keinem Fall verzichtet werden, so wie es z.B. Michael Thalheimer in seiner Otello-Inszenierung für die Opernhäuser Antwerpen und Düsseldorf getan hat, als er das Gesicht des Titelhelden ganz klar als Maske erkennbar nur in einem ovalen Ausschnitt schwarz schminken ließ.

Den Otello-Sänger schwarz zu zeigen ist noch keine rassistische Handlung. Aber sie verbirgt sich womöglich hinter der Frage, warum vergleichsweise so viel weniger Whitefacing zu beobachten war. Während in der Popmusik und erst recht im Rap schwarze Künstler nicht wegzudenken sind, ist ihr Anteil in der Klassik sehr überschaubar. Warum? Weil es keine begabten schwarzen Opernsänger, schwarze Dirigenten und schwarze Regisseure gibt? Oder weil die Oper einfach noch immer eine elitäre weiße Kunstform ist, die von Weißen dominiert wird? (Sogar oder erst recht in den USA, wo der Anteil der schwarzen Bevölkerung höher ist als in Europa.) Wenn ja, dann ist nicht Blackfacing zuvörderst das Problem, sondern ein struktureller, der Oper inhärenter Rassismus. Mit ihm sollte man sich zuerst auseinandersetzen. Was sagen People of Colour selbst dazu? Einige haben wir für unseren aktuellen Themenschwerpunkt befragt. Lesen Sie selbst!

Was ist normal, das „neue Normal“, im aktuellen Opernbetrieb, für den es unverändert keine wirklich planungssichere Öffnungsstrategie gibt? Zwar haben einige Opernhäuser bereits vor der Sommerpause klein besetzte Alternativprogramme angeboten, und für den Herbst sind fast alle mit angepassten Spielplänen auch für Darbietungen unter Pandemiebedingungen irgendwie halbwegs vorbereitet. Aber müssen wir die alle gut finden, selbst im Wissen darüber, dass der Kulturlockdown in anderen Ländern wie den USA schon bis zum Ende des Jahres beschlossen ist? Allein die Ankündigungen deuten auf ganz unterschiedliche Qualitäts- und Kreativitätslevels hin. Nur das Opernhaus Zürich plant bislang die Aufnahme eines annähernd üblichen Spielbetriebs, möglich gemacht durch den Trick, mit dem man sich auch bei den Bregenzer Festspielen behilft: die Liveübertragung des in einem großen Raum platzierten Orchesters ins Opernhaus, wo parallel dazu auf der Bühne agiert wird. Auch hierüber berichten wir ausführlicher in dieser Ausgabe, ebenso wie über den allerersten Liederabend nach dem Lockdown: jenen von Günther Groissböck am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. Ich wünsche Ihnen eine gute Lektüre! Und entspannte, erholsame Sommermonate!

Herzlich, Ihr Ulrich Ruhnke