editorial

Foto: Simon Pauly

Editorial

Behauptung und Durchsetzung des Willens

Ein aufschlussreicher Einblick in die aktuellen Macht- und Verhaltensstrukturen im Opernbusiness

Ein Hintertürchen hat sich Waltraud Meier natürlich offen gelassen. Wenn sie sich dabei nicht wohl fühle, werde sie die Ortrud im neuen Bayreuther Lohengrin ab dem 25. Juli nicht singen. Eine nachvollziehbare Einschränkung, denn halbe Sachen passen nicht ins Profil dieser Hundertprozent-Künstlerin. Und das Alter geht halt nicht spurlos an den Stimmbändern vorbei, wie die 62-Jährige in unserem Interview unumwunden zugibt. Gleichwohl, die Chancen für Meiers Comeback auf dem Grünen Hügel nach 18 Jahren Fernbleiben von selbigem, stehen hervorragend. Kondition ist das Schlüsselwort für die Würzburgerin. Und daran arbeitet sie konsequent, auch um ihrem Bayreuther „Topf“, wie sie sagt, noch einen „Deckel“ zu geben. Denn ihr Abschied von den Festspielen, zu denen sie zuvor wie selbstverständlich gehörte, war bekanntermaßen nicht nur freiwillig. Auch hierüber, wie es dazu kam, ebenso wie zum Friedensschluss, berichtet sie freimütig.

Und noch eine andere bekannte Sängerin hat noch eine Rechnung offen: Cecilia Bartoli mit der Mailänder Scala. Viele Jahre hatte die Italienerin dem bedeutendsten Opernhaus ihres Heimatlandes den Rücken gekehrt, dann kam sie zu einem Konzert zurück und sah sich prompt auch Missfallensbekundungen ausgesetzt. Ab 2019 gibt sie dem Haus und sich selbst eine dritte Chance. Und das gleich mit drei Händel-Opern innerhalb von drei Jahren. Intendant Alexander Pereira, der sie schon als Chef des Opernhauses Zürich und der Salzburger Festspiele besonders schätzte und Bartoli zur Leiterin der Pfingstfestspiele ernannte, baut ihr diese passgenaue Brücke. Mutig und voller Eroberungswillen wirkt die agile 52-Jährige, die nach eher mageren Erfolgen wie der West Side Story im Frühjahr 2016 beim diesjährigen Pfingstfestival wieder in altem Glanz brillieren konnte: als Isabella in einer stimmlich wie szenisch gelungenen Produktion von L’italiana in Algeri. Was genau zu erleben und wer ansonsten noch mit von der Partie war, lesen Sie in unserem Festspielbericht.

Unter den Premierenkritiken finden Sie auch die Besprechung des neuen Macbeth an der Berliner Staatsoper mit Anna Netrebko und Plácido Domingo. Wir haben uns an dieser Stelle auf die Auseinandersetzung mit der künstlerischen Leistung beschränkt. Es soll jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass dieser späte Berliner Saisonhöhepunkt einen aufschlussreichen Einblick in die aktuellen Macht- und Verhaltensstrukturen im Opernbusiness gewährte: Für die Premiere am Sonntag, den 17. Juni, fand die Generalprobe unüblich frühzeitig, nämlich bereits am Montag, den 11. Juni, statt. Der Grund: Die Eröffnungsfeierlichkeiten zur Fußballweltmeisterschaft in Russland, an denen Netrebko und Domingo beteiligt waren (neben Juan Diego Flórez, Aida Garifullina, Ildar Abdrazakov und anderen Sängern). In den sozialen Medien wurden Fotos der beiden gepostet, wie sie nach der Generalprobe in Moskau aus dem Privatjet steigen. Berlin schien da schon längst wieder der Vergangenheit anzugehören, und bis zur Premiere waren es ja noch ein paar Tage Zeit. Für Anna Netrebko zudem Zeit genug, um in St. Petersburg noch schnell in eben jener Partie aufzutreten, die schon für Berlin vorbereitet war: die Lady Macbeth. Nun mag man die persönliche Kräfteeinteilung jedem Teilnehmer des internationalen Reisezirkus’ selbst überlassen, der Konzentration auf eine Neuproduktion ist weder eine solch lange Pause noch das üppige Zwischenprogramm förderlich. Und würde ganz sicher auch nicht jedem Sänger durchgehen gelassen. Ganz abgesehen von der Überlegung, ob man einem Staatsmann mit diktatorischen Zügen wie Vladimir Putin durch seine Präsenz und künstlerische Leistung den roten Teppich veredeln möchte. In Shakespeares wie Verdis Macbeth werden interessante Fragen zu machtbetonten Staatslenkern gestellt. Plácido Domingo wird vielleicht daran gedacht haben, als er die Premiere in Berlin in der Titelrolle bestritt. Wahrscheinlich auch der Regisseur Harry Kupfer, der sich mit den Terminvorgaben seiner Hauptrollensänger einfach abzufinden hatte, und in seiner Arbeit eine Anklage der Macht und der Gier danach versuchte. Aber das ist ja nur Kunst. Und deren Bezug zur Realität wird ja ohnehin meistens nur auf dem Papier propagiert. Da, wo sie sich nicht wirklich gegenüber Stärkeren durchsetzen muss.

Um Behauptung, Durchsetzung, Realisierung des eigenen Willens geht es auch in Salome. Einer der spannendsten Inszenatoren der Gegenwart, Romeo Castellucci, wird die Strauss-Oper Ende Juli bei den Salzburger Festspielen mit Asmik Grigorian in der Titelpartie auf die Bühne bringen. Für die vorliegende Ausgabe haben wir mit der Sopranistin gesprochen.

Seien Sie auf außergewöhnliche Produktionen gespannt, die der bevorstehende Festspielsommer zu bieten hat! Neben der Salome wären das etwa der vom Maler Neo Rauch ausgestattete Lohengrin in Bayreuth sowie – Maler auch er – Georg Baselitz’ Bühnenentwurf für den neuen Parsifal in München.

Ich wünsche eine erholsame Sommerfrische und freue mich, Sie im September mit unserer ersten Festspielnachlese wieder begrüßen zu dürfen.

Ihr
Ulrich Ruhnke
Chefredakteur