editorial

Foto: Simon Pauly

Editorial

Im selbstgemauerten Gefängnis

Vom Tunnelblick der Intendanten, Chefdirigenten und Regisseure

Wie oft schon wurde der Tod der Oper ausgerufen und ist doch niemals eingetreten. Wie selten hingegen wird über die kleinen Tode der Gattung gesprochen, die sich regelmäßig vollziehen. Ganz im Stillen, erst im langsamen Verlieren des Interesses, dann im Beiseitelegen und schließlich im Vergessen. Die Zahl der Werke, deren Schicksal eben so verlaufen ist, ist gewaltig. Berechtigterweise? Der Verdacht drängt sich auf, denn was sich nicht hält, kann so gut nicht gewesen sein. Denkt man. Und begräbt die bereits Gestorbenen ein zweites Mal. Zu Unrecht oft! Neue Moden, Haltungen und Herrschende sind der weitaus gewichtigere Grund für das Verschwinden von Opernwerken aus den Spielplänen. Die gängigsten Selektionsargumente der letzten Jahrzehnte: zu wenig interpretationsbelastbar, zu unzeitgemäß. Wohin das führt, ist allerorten zu beobachten: zum Tunnelblick eines Betriebes, dessen Verantwortliche auf Intendanten-, Chefdirigenten- und Regiestühlen wie hypnotisiert auf die immerselben Werke starren. Und dabei kaum bemerken, dass sie im selbstgemauerten Gefängnis sitzen. Wie es genauer dazu kam, dieser Frage gehen wir im Themenbeitrag dieser Ausgabe nach.

Albert Lortzings Zar und Zimmermann – bis vor noch nicht allzu langer Zeit ein Kassenschlager an vielen Theatern – ist zum Beispiel ein solcher Kandidat auf der Abschussliste. Das Unbehagen gegenüber dem Stück ist vielgestaltig, auch diffus, in jedem Fall aber gegen die gesprochenen Dialoge gerichtet. Die im Übrigen nicht nur in diesem Stück für viele Regisseure ein Grundübel sind. Besonders gerne trifft es hier Mozart, seine Entführung und immer wieder die Zauberflöte. So auch ganz aktuell bei den Salzburger Festspielen, die Lydia Steier mit einer Neuinszenierung beauftragt haben. Das Misstrauen der Amerikanerin den gesprochenen Teilen des Mozart-Schikaneder’schen Singspiels gegenüber war so tiefgreifend, dass sie sie kurzerhand in neue narrative Passagen transformierte, dargeboten von einem Erzähler. Das machte allerdings weder die Produktion besser, die noch wegen anderer Unsinnigkeiten gegen die Wand fuhr, und schon gar nicht das Stück. Wie sich Steiers Regieansatz konkreter darstellte, erfahren Sie in unserem Festspielbericht.

Gleich zu Beginn der Spielzeit sieht sich Mozarts Meisterwerk einer weiteren Intensivbetrachtung ausgesetzt. Nämlich jener von Romeo Castellucci. Seit geraumer Zeit verstört und begeistert der aus Italien stammende Künstler mit seinen ebenso atmosphärischen wie anspielungsreichen Rätselbildern, durch die er den Betrachter tief ins Verborgene der Werke und ihrer Protagonisten blicken lässt. Gerade ist ihm auf diese Weise eine gänzlich andersartige, überaus intelligente Salome bei den Salzburger Festspielen gelungen, mit der umwerfenden Asmik Grigorian in der Titelpartie. Auch hierüber berichten wir in dieser Ausgabe, ebenso wie über das, was Castellucci mit seiner Zauberflöte erzählen will. Für unsere „Nahaufnahme“ haben wir mit ihm gesprochen und uns einen Eindruck davon verschafft, was den Zuschauer ab Mitte September am Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel erwarten wird.

Was die Opernhäuser und Theater weltweit im Oktober spielen, erfahren Sie ebenfalls in der vorliegenden Ausgabe, mit der wir dazu übergehen, die Spielpläne nicht des aktuellen, sondern des folgenden Monats zu veröffentlichen. Ihr Blick und Ihre Planungen können fortan schon früher in die Ferne schweifen.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in eine hoffentlich anregungsreiche und gelungene neue Spielzeit!

Ihr
Ulrich Ruhnke
Chefredakteur