Editorial

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Kulturpessimismus mit Genuss

Das Thema der Stunde? Kulturpessimismus! Jedenfalls wenn man nach den Inszenierungen zum Saisonstart geht. Dass schlechte Nachrichten für das Theater schon immer die eigentlichen guten waren, ist freilich nicht neu. Neu ist allerdings der Einsatz genussfähiger Ausstattung als Wahrnehmungsöffner – siehe etwa Tobias Kratzers Guillaume Tell in Lyon oder Clément Cogitores Les Indes galantes in Paris. Merke: Auch wer auf Schwarzweißmalerei verzichtet, muss noch lange nicht alles in Grau färben.

Das Thema der Stunde? Kulturpessimismus! So jedenfalls lehren es uns zum Saisonstart vermehrt die Opernhäuser, und wer sich in der Welt draußen umblickt, der kann das durchaus nachvollziehen. Nun waren die bad news für das Theater schon immer die eigentlichen good news und die Gegenwart niemals nur zu bejubeln, weshalb der aktuelle Befund so neu nun auch wieder nicht ist. Neu hingegen ist jedoch die kräftigere Buntheit der Botschaft, optisch wie inhaltlich. Was ist gut, was ist schlecht, wer ist gut, wer ist schlecht? Die Grenzen werden zunehmend vorsichtiger gezogen, statt bipolarer Schwarzweißmalerei wird ein multipolares Panorama entworfen, in dem auf Aktuelles zudem eher hingedeutet statt konkret zugespitzt wird. Richtig Farbe bekannt wird dafür besonders gern in den oftmals kunterbunten Kostümen und einer gewissermaßen genussfähigen Ausstattung als Wahrnehmungsöffner für Inhalte, an die aus verschiedensten Richtungen angedockt werden kann. So etwa in Tobias Kratzers assoziationsevozierendem Guillaume Tell von Gioachino Rossini an der Opéra de Lyon, oder an der Opéra de Paris, wo der bildende Künstler und Filmregisseur Clément Cogitore in Jean-Philippe Rameaus Les Indes galantes „hoch“- und popkulturelle Elemente zu einer mitreißenden Mischung aus Barock und Banlieue amalgamiert: ein faszinierendes Panoptikum des multikulturellen (Problem-)Paris des 21. Jahrhunderts ohne platte Politkritik.

Der Bühnenbildner, mit dem man vielleicht zuallererst politischen Impetus verbindet (nicht zuletzt, weil er regelmäßig mit Frank Castorf zusammenarbeitet), ist zugleich einer der wenigen großen Bildromantiker. Was auch immer man von den Inszenierungen seiner Regie-Kollegen halten mag, nur wenige Ausstatter sind solchermaßen in der Lage, Gefühle und Stimmungen in Bewegung zu setzen und sich zugleich in romantiktypischer Symbolik zu vertiefen wie Aleksandar Denić. „Ich freue mich immer, wenn Zuschauer lieber sinnlich als analytisch reagieren. Am Ende ist doch alles ganz einfach“ – was der serbische Künstler noch zu sagen hat, lesen Sie im Interview in der vorliegenden Ausgabe.

Mit dem romantischsten Werk deutschen Musiktheaters, mit Webers Freischütz, will sich der Dirigent René Jacobs in den nächsten Jahren beschäftigen. Doch ist zunächst – passend zum bevorstehenden Jubiläumsjahr des Bonner Meisters – die Veröffentlichung der Einspielung von Beethovens Ur-Leonore angekündigt. „Stars brauche ich nicht“, sagt der Dirigent und ist doch selbst einer, zumindest in seinen eigenen Aufnahmen fast immer der größte und einzige. Zuallererst seinetwegen lohnen sich die Einspielungen. Lesen Sie unser Gespräch mit René Jacobs in diesem Heft, ebenso wie das Interview mit einem eher stillen, bislang noch nicht allzu populären „Star“ – dem Tenor Benjamin Bernheim. Nur eine Frage der Zeit, bis man den Franzosen auch an der Met zu hören bekommt. Hier hat man aktuell übrigens zum ersten Mal in der 136-jährigen Geschichte des Opernhauses Sonntags-Matineen eingeführt. Gegen den Widerstand der Gewerkschaften, aber mit Blick auf ein ausgeruhtes und hoffentlich in den dringend benötigten großen Zahlen kommendes Wochenend-Publikum. Erstaunlich, dass man in New York erst jetzt darauf kommt. Wie beliebt Sonntagnachmittag- Vorstellungen bei Theaterbesuchern sind, weiß man hierzulande schon lange.

Herzlich, Ihr Ulrich Ruhnke