Zum vierten Mal jährt sich am diesjährigen 3. Oktober der Tag, an dem die Berliner Staatsoper nach ihrer Kernsanierung eigentlich schon längst hätte wieder spielen sollen. Als man sich im Juni 2010 mit einer auf den benachbarten Bebelplatz übertragenen Vorstellung von Eugen Onegin in der Inszenierung von Achim Freyer und mit Rolando Villazón als angestrengt tönendem Lenski vom alten Haus verabschiedete und ins Schillertheater im Westteil Berlins zog, war die Wiederkehr in die Heimat Unter den Linden offiziell noch für 2013 geplant. Geglaubt hat das schon damals keiner. „Öffentliches Bauen!“ wurde das ausgerufene Datum mit nach oben verdrehten Augen bloß kommentiert, und so fuhr man eroberungsbereit in einem symbolreichen Akt mit viel Tamtam auf einem Schiff über die Spree justament ins Hoheitsgebiet der Deutschen Oper Berlin, damals noch geleitet von Kirsten Harms. Jürgen Flimm, Noch-Intendant der Staatsoper Berlin bis ihm im April nächsten Jahres der längt schon an der Zukunft bauende Matthias Schulz nachfolgt, war nie verlegen um solcherlei öffentlichkeitswirksame Aktionen. Ebenso wenig wie um das Wissen darum, mit und aus ihnen politisches Kapital zu schlagen. Mit Flimm, in jedem Fall, verliert die Intendantenzunft einen ausgekochten Politfuchs alten Schlages. Andere seiner Generation machen indes stoisch weiter.

Achim Freyer, 83, ist einer von ihnen. Der Gesamtkunstwerker hat die Staatsoper nicht nur mit besagtem Eugen Onegin in die Sanierung geschickt, es ist fast ein Treppenwitz der Geschichte, dass er sie im Dezember mit Hänsel und Gretel nun eigentlich auch erst so richtig eröffnet. Denn zwar schließt das Haus Unter den Linden diesen Oktober staatstragend am Einheitsfeiertag erstmals wieder für eine Premiere auf, doch nur im Rahmen eines sogenannten „Präludiums" und keineswegs mit großer Oper oder gar der ursprünglich geplanten Uraufführung des neuesten Musiktheaterwerkes des seit Längerem schwer erkrankten Wolfgang Rihm, sondern mit Robert Schumanns Szenen aus Goethes „Faust". Die erste große Premiere ist dann besagte mit Huperdincks Märchenspiel am 8. Dezember.

Auch Hans Neuenfels, nicht nur inzwischen 76-jähriger Stammvater deutschen Regietheaters, dessen Idomeneo-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin Kirsten Harms zur vielleicht größten Dummheit ihres Lebens, in jedem Fall aber um ihren Intendantenposten brachte, ist weiterhin im Spiel und bringt an der Staatsoper im nächsten Jahr Salome heraus. Wieviel Flimm steckt noch in der Eröffnungsspielzeit, und wieviel schon von Schulz? So richtig jedenfalls mag keiner von den beiden hinter ihr stehen, zumindest sucht man in der Jahresvorschau 2017/18 vergeblich ein gemeinsames Vorwort oder beider Unterschriften unter etwas Ähnlichem wie diesem.

Für die Übergangszeit geht die betonte Kontinuität der Staatsoper noch in Ordnung, doch dann kann es schnell peinlich werden. Für ein jüngeres Publikum, das als Kulturflaneur ohne enge Gattungs- und Geschmacksvorlieben groß wird, das dafür aber ergänzend zum Inhaltlichen umso größere Ansprüche an das Ambiente und die Rahmenbedingungen stellt, in denen es seine knappe Freizeit, um die zudem eine immer größere Angebotskonkurrenz buhlt, zu verbringen bereit ist, ist die frisch sanierte Staatsoper jetzt immerhin schon mal grundsätzlich gut aufgestellt. Doch die Entwicklungen gehen weiter. Gerade hat die Wiener Staatsoper ein bislang vergleichslos aufwendiges Untertitelungssystem an den Start gebracht, mit besten Monitoren vor jedem Platz, auf dem man nicht nur aus sechs Sprachen wählen, sondern bald auch sein Pausenmenü vorbestellen kann. Am Royal Opera House Covent Garden wiederum demontiert man in der übernächsten Spielzeit die teuersten Plätze der vorderen Reihen, um den Platz picknickenden jungen Besuchern zum Kinopreis zur Verfügung zu stellen.

Oper ist mehr als nur die Aufführung. Alles muss stimmen, auch der Ort. Nicht nur, aber auch deshalb sind Produktionen der Ruhrtriennale wie aktuell Pelléas et Mélisande in der Jahrhunderthalle Bochum oft von besonderem Erfolg gekrönt. Oder William Christies Festival im eigenen, traumversunkenen Landsitz in Südfrankreich. Über beide Ereignisse berichten wir in diesem Heft, ebenso wie über die letzten Festspielpremieren des Spätsommers, Kent Naganos Vorbereitungen für einen historisch informierten Ring, den ersten Wettbewerb ausschließlich für Operndirigenten, Karoline Grubers Arbeit an Prokofjews Der Spieler für die Wiener Staatsoper und die Herausforderungen von Opernfilmern. Im Titelinterview haben wir in diesem Monat einen der größten Countertenöre der Gegenwart, Philippe Jaroussky. Wir wünschen, wie stets, eine gute und anregende Lektüre!

Herzlichst
Ihr

Ulrich Ruhnke
Chefredakteur