Editorial

Editorial

Täglich grüßt das Murmeltier

Deutschland befindet sich wieder im Lockdown, und damit auch die Opernhäuser. Die Situation in Österreich und der Schweiz ist ähnlich. Ein déja-vu-Erlebnis, denn die Kulturszene muss sich erneut mit den Problemen beschäftigen, die bereits im Frühjahr offenbar wurden – und seither ungelöst geblieben sind: die extrem unsichere Position freiberuflicher Künstler, der Ersatzbetrieb über digitale Formate und Absagen auf Wochen hinaus.

Einen Monat sollte der Ende Oktober verkündete erneute Lockdown eigentlich dauern. Dass er bis mindestens Weihnachten verlängert werden würde, war schon damals fast jedem klar. Mitte Dezember wurde der Stillstand des öffentlichen Lebens dann sogar bis zum 10. Januar beschlossen. Das Ende der Maßnahme? Nicht abzusehen. Möglicherweise geht es in die Verlängerung.

Obwohl der Probenbetrieb an vielen Opernhäusern weiterläuft und einige Bühnen für Januar Vorstellungen geplant haben, ist eine Verbesserung der Gesamtsituation für die freischaffenden Bühnenkünstler nicht in Sicht. In einer rechtlichen Grauzone mit oftmals uneindeutigem Status, der bestenfalls nach einer langen Reihe von Rechtsprechungen und einschlägigen Vorstößen der Betroffenen in nicht allzu naher Zukunft klarer geformt werden kann, steht man als freiberuflicher Sänger inzwischen längst vor existenziellen Problemen. Die in Aussicht gestellten öffentlichen Hilfen greifen nicht recht und fast noch wichtiger als das, scheint ein normaler Spielbetrieb, der die Chance böte, den Verlust des vergangenen Jahres zumindest einigermaßen auszugleichen, in weiter Ferne zu liegen.

Obwohl die Situation sich also nicht wesentlich verbessert hat, ist der zu Beginn der Pandemie deutlich artikulierte öffentliche Künstler-Protest inzwischen kaum noch zu vernehmen. Vielleicht auch, weil die prominenten Stimmgeber an der Front inzwischen schon wieder vergleichsweise passabel gefüllte Terminkalender haben. Der große Rest dagegen braucht seine Energie für den tagtäglichen Überlebenskampf, da bleibt für das große Ganze wenig übrig. Der anfängliche emotionale Widerstand scheint leergelaufen, die Resignation angesichts der eigenen Ohnmacht die Überhand gewonnen zu haben. Gelöst ist das Problem damit natürlich nicht, weshalb wir in der vorliegenden Ausgabe eine vertiefte Zwischenbilanz ziehen – auf Künstler-, aber auch auf rechtlicher Seite. Zugleich schauen wir uns die Situation und Perspektive der großen Opernhäuser in Mailand, London und Moskau an.

Auch am Fluchtort der Stunde, auf der digitalen Bühne im Internet, haben wir uns umgesehen und die wichtigsten Premieren verfolgt. So schön es auch ist, zumindest auf diesem Weg an Opernaufführungen teilhaben zu können, so klar treten auch die Nachteile von Streaming-Angeboten zu Tage: die akustisch nur bedingt belastbaren Eindrücke, die optische Qualität, die Bildregie sowie das deutlich zu erkennende Wettbewerbsgefälle zwischen technisch bestens ausgerüsteten Opernfabriken und jenen oftmals kleineren Häusern, die im digitalen Vorstellungsangebot unerfahren gerade ihre ersten Schritte unternehmen. Ärgerlich ist es in jedem Fall, wenn indirekt der Eindruck vermittelt wird, die Vorstellung würde live auf den heimischen Computer gestreamt werden, in Wirklichkeit aber nur die Ausstrahlung einer vorher aufgezeichneten Vorstellung zu sehen ist. Das stärkste Argument, sich einen Stream anzusehen, bleibt damit ungenutzt.

Zwei der interessantesten gestreamten Premieren vor (nahezu) leerem Haus waren sicherlich Simon Boccanegra am Opernhaus Zürich mit Christian Gerhaher, debütierend in der Titelpartie. Sowie Tatjana Gürbacas Tote Stadt an der Oper Köln, dem Haus also, an dem Erich Wolfgang Korngolds Oper vor genau 100 Jahren parallel zur Premiere in Hamburg uraufgeführt wurde. Sollte es dabei bleiben können, dass die Oper Paris am 26. Januar ihre großartige Capriccio-Inszenierung von Robert Carsen wiederaufnimmt, wird Diana Damrau hier erstmals als Gräfin zu hören sein. Zu ihrem Rollendebüt und ihren weiteren Plänen haben wir für die vorliegende Ausgabe mit der Sängerin gesprochen.

Ich wünsche Ihnen ein gutes und vor allem gesundes neues Jahr!

Herzlich, Ihr Ulrich Ruhnke