Editorial

Editorial

Das geschlossene System

Der Kulturbetrieb sieht sich gerne als offen, kreativ und kritisch. Im besten Fall ist er das, Beispiele gibt es genug. Mehr als genug Beispiele gibt es aber auch für das Gegenteil – den Kulturbetrieb oder, konkreter, die Oper als geschlossenes System. Nach außen gleichförmig und monoton in der Spielplangestaltung, wo die ewig gleichen Repertoiretitel ihre Regieschleifen ziehen. Innen angepasst an die Bedürfnisse der großen Namen des Betriebs – ob das nun Regisseure oder Dirigenten sind –, wie neuestens der Fall Daniel Barenboim zeigt.

Die Staatsoper Berlin hat die falsche Entscheidung getroffen. Nicht über die große Hure Babylon hätte sie für den vergangenen Monat eine Oper in Auftrag geben sollen, sondern über die noch viel größere und die vielleicht größte Hure überhaupt: die Oper an sich. Genauer gesagt, über den aktuellen Opernbetrieb. Statt des Phonstärkenrekords, als der sich Jörg Widmanns dürftige Bearbeitung des von ihm ursprünglich für München in Töne gefassten und für Berlin dann vollmundig als „Uraufführung der Neufassung“ angekündigten Babylon-Themas entpuppte, wäre auf diese Weise endlich einmal ein Musiktheaterwerk von aktuellster Zeitgenossenschaft entstanden. Und genau das ist es doch, wonach fast alle Intendanten lechzen. Klar, man hätte dafür einmal nicht die Schlechtigkeit der bösen Welt da draußen zusammenkehren müssen, sondern jene des eigenen kleinen Betriebes, um sich kritisch darin zu spiegeln. Doch so weit reicht das Selbstgericht dann doch nicht. Leider. Gerade die Staatsoper Berlin hat in den vergangenen Wochen durch die Debatte um ihren Generalmusikdirektor Daniel Barenboim und seinen Führungs- und Arbeitsstil einen tiefen Einblick in eine Branche gewährt, in der mehr als anderswo gilt, dass nicht alles Gold ist, was (unter den Kronleuchtern) glänzt.

Der Opernbetrieb ist ein geschlossenes System, in dem Eitelkeit, Egozentrik und selbsternannte Genies ein ideales Biotop finden. Die Mächtigen des Opernbusiness’ pflegen den romantischen Geniegedanken des 19. Jahrhunderts besonders gern. Meistens aus purem Egoismus. Im festen Glauben an die eigene und von den anderen pflichtschuldig auch noch zugesprochene Genialität werden Umgangsformen und Arbeitsweisen gerechtfertigt, die anderswo längst abgeschafft wurden. Glücklicherweise: Ganz langsam ändert sich etwas. Wenn sich Mitarbeiter der Staatsoper zunächst anonym, später auch namentlich anklagend zu Wort melden und die Debatte damit überhaupt lostreten, gewährt das nicht nur Einblick in erschreckende Machtstrukturen, sondern auch in den Überdruss und den erstarkenden Mut der unter den Strukturen Leidenden. Ein „Weiter so“ an der Staatsoper jedenfalls ist jetzt kaum mehr denkbar.

Gleichwohl, die Angelegenheit zeigt nur die Spitze des Eisbergs, bestenfalls den Beginn eines größeren Veränderungsprozesses. Denn mehrheitlich gilt nach wie vor das unausgesprochene Kastensystem: hier der Star, dort die Kleinkünstler, dann die Arbeitssklaven. Und Stars, da sollte man sich nichts vormachen, gibt es in der Oper wie eh und je, auch wenn die Intendanten in den letzten Jahrzehnten hartnäckig an ihrer Abschaffung gearbeitet haben. Es hat nur eine Verschiebung stattgefunden. Nicht mehr die Sänger und die lebenden Komponisten werden als Stars gehandelt, sondern die Regisseure und Dirigenten. Und unter denen herrscht weitverbreitet unverfrorene Selbstbedienungsmentalität. Wer als Intendant einen angesagten Regie- oder Pultstar haben will, muss sich dessen Wünschen beugen. Und die wiederum folgen persönlichen Karriereplänen und Vermarktungsstrategien im internationalen Geschäft. Dem einen Regisseur fehlt noch ein Blockbuster-Stück, dem anderen Dirigenten noch ein Werk von Wagner, für das er sich im Anschluss auch anderswo noch buchen lassen kann. Die Oper: eine Zwangsprostituierte! Die Mächtigen nehmen sich von ihr, was sie wollen. Das Ergebnis unter anderem: Spielplan-Monotonie und die Repetition der immer selben Werke durch immer neue vermeintliche Regie- und Pultgötter, die mit dem Kernrepertoire noch nicht durch sind. Seltenes und Randständiges, das sich nur schwer weiterverkaufen lässt oder nicht ins Portfolio passt, fällt da schnell hinten runter. Es wird Zeit, dass sich hier etwas ändert.

Wie kreative Spielplangestaltung aussehen kann, wenn man sich von den als „hot ticket“ gehandelten, hochgejubelten Namen befreit, kann man aktuell beispielsweise in Gelsenkirchen beobachten, wo Michael Schulz, Intendant des Musiktheaters im Revier, ebenso mutige wie erfolgreiche Programmpolitik betreibt. Lesen Sie zu beiden Themen mehr in dieser Ausgabe. Ich wünsche eine anregende Lektüre!

Herzlich, Ihr Ulrich Ruhnke