Editorial

Editorial

Viel gewagt, viel gewonnen

Salzburg hat stattgefunden, trotz – und in – der Pandemie. Die Verantwortlichen gingen damit ein hohes Risiko ein, und haben auf ganzer Linie gewonnen. Denn die Signalwirkung ist klar: Solange Hygienemaßnahmen eingehalten werden, ist Oper machbar. Auch andernorts hat man Konzepte erarbeitet, wie der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden kann. Wir berichten aus Madrid, Korea und Italien.

Genau 100 Jahre nach ihrer Gründung standen die Salzburger Festspiele auch in diesem Sommer ganz im Zeichen des Anfangs. Geplant war das nicht, und auch nicht zu erwarten. Ein groß besetztes Elektra-Orchester mit über 100 Musikern, die dicht an dicht im Orchestergraben sitzen und spielen, als würde es die Corona-Pandemie nicht geben, schien noch vor weniger als einem halben Jahr vollkommen undenkbar. Dass die Festspiele nun doch stattgefunden haben, ist einem vergleichsweise ebenso großen Kunstwollen – und ja: Wagemut – ihrer aktuell Verantwortlichen zu danken wie ehedem den Gründungsvätern. Das Risiko zur Durchführung des Festivals dürfte kaum je größer gewesen sein als in diesem Jahr. Das war auch den Mitgliedern des Leitungsteams sonnenklar, die ihre Köpfe hätten hinhalten müssen, wenn die im Vorfeld reichlich skizzierten Katastrophenszenarien auch nur zum Teil eingetreten wären. Von einem riesigen Infektionsherd war die Rede und von einem zweiten Ischgl. Später wurden immer lauter die Bedenken geäußert, welchen Bärendienst man der gesamten internationalen Opernbranche erweisen würde und wie groß die negativen Konsequenzen für alle wären, sollte das Experiment „Salzburger Festspiele“ scheitern. Überall würde man dann sagen: Oper in Pandemiezeiten – das geht nicht!

Vor der Bereitschaft zur Übernahme einer solchermaßen erhöhten Verantwortung, nicht minder wie vor der in kürzester Frist realisierten Anpassung von künstlerischem Programm und organisatorischem Ablauf an die aktuellen Ausnahmebedingungen, muss man erst einmal den Hut ziehen. Nun sind zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe die Festspiele noch nicht zu Ende und jeder Kommentar zu ihrem Verlauf noch ein vorläufiger. Doch der zeitlich fortgeschrittene Zwischenbefund fällt positiv aus, und die Signalwirkung, die von Salzburg in diesem Sommer ausgeht, scheint bislang nur eine Richtung zu kennen: Oper ist machbar, auch unter dem Vorzeichen von SARS-CoV-2. Und da das Virus uns wohl noch eine ganze Zeit begleiten wird, ist man gut beraten, einen Modus Vivendi zu finden. Wesentliche Eckpfeiler zur praktischen Umsetzung haben die Festspiele geliefert. Tägliches Testen der Akteure, Einteilung in Gruppen mit unterschiedlichen Distanzvorgaben, ein klares Belüftungs- und Hygienekonzept, für das Publikum die Platzierung mit Sicherheitsabständen, die übliche Maskenpflicht, Handdesinfektionsmöglichkeiten und personalisierte Eintrittskarten zwecks besserer Rückverfolgungsmöglichkeiten einer Infektionskette sind nur Beispiele für den ergriffenen Maßnahmenmix. Der, das muss man allerdings auch sagen, zumindest seitens der Zuschauer nicht immer in dem Maße befolgt wurde, wie es vorgegeben war und angeraten wäre. Doch gegen die Dummheit Einzelner ist auch jenseits der Opernhäuser kein Kraut gewachsen.

Zahlreiche Erfahrungswerte liegen inzwischen auch aus nationalen und internationalen Theatern und Opernhäusern vor. Ein paar davon stellen wir Ihnen in der vorliegenden Ausgabe vor, u.a. aus Madrid, Korea, Italien und aus dem deutschsprachigen Raum, wo es schon allein zwischen den drei Ländern Deutschland, Österreich und Schweiz erhebliche Unterschiede im Umgang mit Corona gibt. Die Programmierung ausschließlich kleiner Formate, mit denen die Häuser nach der Aufhebung des Lockdowns ihren Betrieb langsam wieder hochgefahren haben, ist mit Beginn der neuen Spielzeit und nach den Erfahrungen in Salzburg und anderswo in dieser Ausschließlichkeit jedenfalls nicht mehr zu rechtfertigen. Lösungen zur Realisierung von größer oder sogar groß besetzten Werken, orchestral wie szenisch, gibt es. Nun liegt es an den Verantwortlichen sie umzusetzen und für einen, soweit möglich, sicheren Opernspielplan zu sorgen.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die neue, in jedem Fall ganz besondere Spielzeit.

Herzlich, Ihr Ulrich Ruhnke