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Foto: Simon Pauly

Editorial

Die Zuschauer im virtuellen Raum

Ein anspruchsvolles Programm und ein volles Haus bleiben die Forderungen an jedes Theater. Doch mit der Digitalisierung der Theater transformieren Opernhäuser zu musiktheatralen Bildungszentren nicht nur ihrer Region, sondern weit darüber hinaus - für das Publikum im virtuellen Raum.

Preisfrage: Wem nutzt das Live-Streaming aus einem Opernhaus? Dem Publikum, das vor Ort nicht selbst dabei ist und mitunter von ganz anderen Kontinenten aus die Vorstellung im Internet verfolgen kann? Oder dem Opernhaus, das die neuen Übertragungsmöglichkeiten dazu nutzt, seine Marke weiter zu streuen und sich bekannt zu machen? Beides gleichermaßen, ließ sich zutreffend bislang behaupten. Aktuell jedoch drängt ein dritter Anspruchsberechtigter ins Spiel, dessen Schwergewicht sich so richtig erst herumzusprechen beginnt: der Bildungsauftrag. Ein anspruchsvolles Programm und ein volles Haus bleiben zwar weiterhin die primären Forderungen der Politik an die von ihr eingestellten Intendanten und Geschäftsführer. Doch zielen die Ansprüche zunehmend über die Mauern des Theaters hinaus in viel größere virtuelle Räume mit Zuschauern, deren Zahl ein Vielfaches von jenen beträgt, die jemals in einem einzigen Theater Platz finden könnten. Noch wird das ortsungebundene Publikum wechselseitig mal von der Politik gewünscht, mal von den Theaterverantwortlichen stolz vorgezählt. Als Argument gegen den Rechtfertigungsdruck für die Zuwendung öffentlicher Gelder jedoch ist der außerhalb des Theaters befindliche Zuschauer für die Zukunft gesetzt. Die Zeiten, in denen lange darüber debattiert wurde, ob Live-Streaming nicht bloß ein überteuerter Luxus für Theater mit ohnehin zu viel Geld sei, dürfte sich in absehbarer Zeit erübrigt haben. Was vor 15 Jahren mit der Intensivierung und Diversifizierung professioneller Education-Projekte begann, erfährt im Streaming eine weitere entscheidende Stufe: Die Transformierung des Opernhauses zum musiktheatralen Bildungszentrum der Region und – abhängig von der Größe des Theaters – weit darüber hinaus.

Wenn die Bayerische Staatsoper, eines der ersten und wenigen Häuser, die schon seit Jahren live ins Netz übertragen, nunmehr dazu übergeht, die notwendige technische Ausstattung nicht mehr für jedes einzelne Streaming extern einzukaufen und aufbauen zu lassen, sondern sich für eine eigene, festinstallierte Lösung entscheiden möchte, dann ist das nichts anderes als konsequent. Welchen Aufwand die Live-Übertragung einer Opernvorstellung gleichwohl immer noch bedeutet, beleuchten wir in einer kleinen Serie, deren erste Folge Sie in dieser Ausgabe lesen können.

Eine ganz andere, aber nicht weniger zukunftsweisende Frage schließt sich dem an: Wie erreicht man in Zeiten interessespezifizierter Informationsbeschaffung aus primär digitalen Informationsquellen ein Publikum, dem die Oper zunächst einmal nichts bedeutet? Christoph Seuferle, Besetzungschef der Deutschen Oper Berlin, den wir für unseren diesmonatigen Themenbeitrag gemeinsam mit Tobias Hasan, Besetzungschef der Staatsoper Unter den Linden Berlin, nach den Herausforderungen und der Verantwortung ihrer Positionen befragt haben, ist sogar der Ansicht, dass es eine Anna Netrebko nie wieder geben wird, weil große, inhaltlich breit aufgestellte Printmedien, die Sänger auch bei opernfremden Menschen schnell bekannt machen, heute immer weniger existent sind. Neue exzellente Sänger erreichen einfach nicht mehr dieselbe breite Öffentlichkeit und Bekanntheit wie jene früherer Generationen.

Thematische Vielfalt ist in jedem Fall auch ein Stichwort, das wir in unserer Redaktion sehr ernst nehmen. Denn selbst in den Nischen wird oftmals mit Scheuklappen gearbeitet. Mit Christian Gerhaher, einem der besten Baritone seiner Generation und im Liedfach schon jetzt eine lebende Legende, über die Sopranistin Pretty Yende und den Kontraaltisten Xavier Sabata als zwei der besten Sänger der jüngeren Generation bis hin zu Rafael Fingerlos als ausnahme-talentiertem Nachwuchsbariton, stellen wir Ihnen in dieser Ausgabe vier gänzlich unterschiedliche, doch gleichermaßen kennen- wie hörenswerte Sänger vor. Wir werfen einen Blick auf das andere Bayreuth, nämlich in das in fünfjähriger Kleinarbeit aufwändig grundsanierte, spätbarocke Markgräfliche Opernhaus und stellen Ihnen auch in diesem Dezember wieder unsere Top of Props vor – unsere ebenso subjektive wie mit einem Augenzwinkern gemeinten Top 10 von Requisiten, Dingen und Eindrücken aus dem Opernjahr 2017.

Ich wünsche eine gute und anregende Lektüre!

Herzlich
Ihr

Ulrich Ruhnke
Chefredakteur