Editorial

LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,

Soll niemand sagen, in Corona-Zeiten hätte in der Oper nichts stattgefunden und schon gar nichts Besonderes. Allein sechs große (Rollen-)Debüts sind in den letzten Wochen zu verzeichnen gewesen: Marlis Petersen als Marschallin (Bayerische Staatsoper), Saimir Pirgu als Hoffmann (Opernhaus Zürich), Elīna Garanča als Kundry (Wiener Staatsoper), Sara Jakubiak als Francesca da Rimini (Deutsche Oper Berlin), Elsa Dreisig als Figaro-Gräfin (Staatsoper Berlin) und Tobias Kratzer mit seiner ersten Arbeit für Paris, einer genialen Inszenierung des Gounod‘schen Faust. Aufgeführt allein vor laufenden Kameras und manchmal ein paar Journalisten, warten all die Sänger und Produktionen nunmehr darauf, von einem Live-Publikum in mehr als nur einer Vorstellung gesehen zu werden. Zugleich wird der künstlerische Verlust immer deutlicher und größer, den die aus infektiologischer Sicht kaum sinnvollen Theaterschließungen des vergangenen Jahres mit sich gebracht haben. Schließlich hat nur der geringste Teil der künstlerischen Arbeiten überhaupt auch nur das Kameralicht erblickt, die allermeisten wurden entweder ganz abgesagt oder – im besseren Fall – zu Ende geprobt und auf Abruf ins Kulissenlager verschoben.

Wann das alles neben den ohnehin geplanten Premieren der kommenden Spielzeit(en) gezeigt werden soll, ist nicht immer klar und eine weitere Herausforderung, der sich die Opernhäuser in der Pandemie gegenübersehen. Schon aus Kostengründen, denn nicht jeder Rechtsträger wird seinem Theater das in der aktuellen Saison nicht ausgegebene Geld zur späteren Verfügung auf dem Konto lassen. So hat etwa bereits im April die Stadt Weimar angekündigt, dem Nationaltheater die nicht verbrauchten städtischen Zuschüsse wieder abzuziehen. Ärgerlich, denn selbst wenn der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden kann, ist zu Beginn kaum von Publikumszahlen und Einnahmen wie vor der Pandemie auszugehen, eher von Dimensionen, die sich weit weniger wirtschaftlich darstellen. Verständlich andererseits, denn das festangestellte Personal wurde und wird aktuell nicht aus dem Etat des Hauses, sondern über das Kurzarbeitergeld bezahlt. Ersparnisse sind also entstanden, die das Theater später gut gebrauchen könnte.

Wie werden die Vorstellungen der Zukunft aussehen? An der Opéra national de Paris hat der neue Intendant Alexander Neef sein Haus einer ausführlichen Diversitäts-Studie unterzogen, für die knapp 100 Mitarbeiter und externe Sachverständige zum Thema befragt wurden. Vorausgegangen war ein Manifest „über die Rassenfrage an der Pariser Nationaloper“, das im Sommer vergangenen Jahres von elf am Haus beschäftigten People of Color initiiert und von über 300 der 1.500 Angestellten mitunterzeichnet worden war. In dem nun vorliegenden „Rapport sur la diversité“ geht es unter anderem um die Frage, wie man mit Werken umgehen soll, die im postkolonialen Diskurs als problematisch zu werten sind oder gar rassistische Rollenbilder verbreiten. Auch Änderungen der Sängerbesetzungen unter dem Gesichtspunkt der Diversität werden gefordert. Das Ansinnen, zu offeneren Strukturen zu gelangen und die Oper kritisch zu hinterfragen, ist berechtigt und sogar überfällig. Vor den Klischees und neuen Diskriminierungen, die hierbei vielfach lauern, muss man sich jedoch hüten. Mehr dazu in unserem aktuellen Themenbeitrag.

Während man in Italien schon mitten in den Vorbereitungen der sommerlichen Festspielsaison steckt und fest davon ausgeht, Vorstellungen unter freiem Himmel anbieten zu können, zeichnen die hiesigen Festivals eher verhaltene Prognosen oder sehen sich bereits jetzt – erneut! – zu Komplettabsagen gezwungen. Immerhin, die Bayreuther Festspiele sollen (trotz mäßigem Belüftungskonzept) stattfinden können und die Salzburger Festspiele lassen sich, wie schon im letzten Jahr, ihren Optimismus ohnehin nicht nehmen. Zudem hat der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz Mitte April baldige Öffnungskonzepte für alle Branchen angekündigt und in der Schweiz dürfen Theater bereits jetzt schon wieder öffnen, wenn auch vorerst nur für eine kleine Anzahl von Besuchern. Aber immerhin, es tut sich etwas!

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.

Herzlich
Ihr
Ulrich Ruhnke

Chefredakteur

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