Editorial

Foto: Simon Pauly

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Die Kraft am Pult

Profil durch Regie, so verfahren in Deutschland die meisten Opernintendanten. Die Dirigentenfrage wird dagegen nur mit halbem Interesse und gerne zuletzt geregelt. Ein echter Missstand an deutschen Opernhäusern – und vor allem: verschenktes Potenzial! Wieviel Kraft und Erneuerung für die Gattung Oper aus der Dirigentenarbeit kommt, zeigen unsere Interviews mit Fabio Biondi und Antonio Pappano, und unsere Besprechung von Così fan tutte am Teatro di San Carlo in Neapel unter Riccardo Muti.

In Deutschland einen Opernintendanten zu finden, der mit derselben Intensität und demselben Erfolgshunger nach einem Dirigenten sucht, wie er nach Regisseuren Ausschau hält, wird einem kaum gelingen. Intendanten in Deutschland profilieren sich immer noch vor allem über Regisseure, bevorzugt über die von ihnen selbst entdeckten, optional über die als etablierte Marken eingekauften Inszenierungsmacher. Innovation in der Oper, so das Mantra, gehe schließlich von der Regie aus. Selbst Stückauswahl und Spielplangestaltung werden vergleichsweise oft nachrangig behandelt. Vom Dirigenten, sofern es sich nicht um den in Selbstherrlichkeit am Repertoire sich bedienenden Generalmusikdirektor handelt, ganz zu schweigen. Was nicht Chefsache ist, wird zweitrangig behandelt, die Dirigentenfrage nur mit halbem Interesse und gerne zuletzt geregelt. Ein echter Missstand an deutschen Opernhäusern! Und vor allem: verschenktes Potenzial!

Bedenkt man, welche Kraft und Erneuerung der Gattung Oper in den letzten Jahrzehnten allein durch die Alte-Musik-Bewegung zuteilwurde, so scheint man hierzulande geradezu fahrlässig nur die geringste Aufmerksamkeit dem wichtigsten Innovationsbereich zu schenken. Erkenntnisse zum historisch informierten Musizieren haben nicht nur die Orchesterpraxis auch außerhalb der Spezialensembles grundlegend verändert, sondern ebenso das Singen und – auf der Seite des Publikums – das Hören. Wiederentdeckte Werke haben nicht nur das Repertoire der Opernhäuser und Plattenfirmen erweitert, sondern beiden auch ein vergrößertes, gar neues Publikum beschert. Gleichwohl ist die Erkundungsreise in die musikalische Vergangenheit der Oper noch längst nicht abgeschlossen, zu viel ist noch nicht erforscht. Wie viel gäbe es allein noch zur Oper des 19. Jahrhunderts zu entdecken, würde man es nur auch wollen und investieren! Die frühen und mittleren Verdi-Opern etwa. Hat man sich ihrer in der Aufführungspraxis jemals ähnlich intensiv angenommen wie Werken des Barock? Warum nicht, weil sie minderwertig sind? Oder weil es derzeit einfach nicht en vogue ist?

Der italienische (Barock-)Geiger und Dirigent Fabio Biondi hat Verdis Macbeth auf historischen Instrumenten zur Aufführung gebracht und die Aufnahme davon gerade auf CD vorgelegt. Über die Stimmruine Nadja Michaels als Lady Macbeth muss man eisern hinweghören, doch insbesondere orchestral ist vieles an der Aufnahme geradezu sensationell! Warum lässt man nicht mal Biondi und sein Ensemble zum Beispiel einen Zyklus früher und mittlerer Verdi-Opern machen? Man gelte als zu teuer, wie uns der Sizilianer im Interview für dieses Heft sagte.

Auch ein anderer Dirigent, den wir für die vorliegende Ausgabe interviewt haben, namentlich Antonio Pappano, Musikdirektor am Royal Opera House Covent Garden, beklagt die eigentümliche Schwerpunktsetzung in deutschen Landen: Zu viele Proben für Neuinszenierungen, zu wenige oder gar keine fürs Repertoire.

Sucht man in Deutschland die Zukunft der Oper am falschen Ort? Riccardo Muti hat am Teatro di San Carlo in Neapel gerade für eine Così fan tutte gesorgt, wie man sie bei uns schon lange nicht mehr gehört hat. Wer dabei war, darf sich glücklich schätzen. Allen anderen geben wir mit unserem Bericht auf den Seiten 38 und 39 zumindest einen Eindruck.

Eine Vorstellung davon, welche Auswirkungen die Aufnahmetechniken der frühen Phonoindustrie auf Sängerstimmen und die Gesangsästhetik ihrer Zeit hatten, kann man sich wiederum in unserem Themenbeitrag für diesen Monat verschaffen. Ein Forschungsteam an der Hochschule für Musik in Detmold beschäftigte sich mit dieser spannenden Frage, die in aktualisierter Form unvermindert auch heute gültig ist und zeigt, wie sehr Hörgewohnheiten unser Urteil beeinflussen.

Herzlich, Ihr Ulrich Ruhnke