Editorial

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Welt und Überwelt

Verborgene Welten, Überweltliches, Transzendenz – Opernwerke sind voll davon! In einer Spurensuche gehen wir der Frage nach, wo in der Oper das Menschliche in einen es übersteigenden Rahmen gestellt wird. Aber auch in anderen Beiträgen scheint das Thema auf – im Interview erwähnen Marlis Petersen und Simone Kermes beide die Bedeutung einer transzendenten Ebene in ihrem Leben und ihrer Arbeit. Und nicht zuletzt schimmert auch durch so manches Opernwerk die blanke Archaik – man muss die Allzeitgültigkeit nur herausarbeiten, so wie es Andreas Homoki in seiner Neuinszenierung von Verdis Nabucco Ende Juni in Zürich anstrebt.

Als Lise Davidsen im September 2016 als Agathe in Herbert Fritschs kasperletheaterbunter Freischütz-Inszenierung auf der Bühne des Opernhauses Zürich in Erscheinung trat, war nicht nur der Sängerin Optik überaus imposant. Im meterweit ausladenden Kostüm, die übergroße rote Lockenpracht noch zusätzlich betont durch einen ausgewachsenen Kopfputz, wirkte die ohnehin schon fast ein Meter neunzig messende Norwegerin wie eine Riesin. Als sie dann die ersten Töne produzierte, musste man kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass die damals 29-Jährige schon bald in noch größeren Partien zu hören sein würde. Keine drei Jahre später, nämlich diesen Sommer, hat Davidsen bereits den Wagnersängerolymp erreicht: den Grünen Hügel in Bayreuth. Und das zudem in einer Hauptpartie der Premierenproduktion, der Elisabeth in Tobias Kratzers Neuinszenierung des Tannhäuser, musikalisch geleitet von ebenfalls Hügeldebütant Valery Gergiev. Lise Davidsen weiß, was sie kann. Wusste es wohl schon sehr früh, zumindest hat sie nie den geschützten Rahmen eines festen Ensembles gesucht. Den findet sie nach eigenem Bekunden im Sängerteam der jeweiligen Produktion, nach Bayreuth u.a. also an der Met in New York, wo in diesem Herbst ihr Hausdebüt als Lisa in Tschaikowskys Pique Dame ansteht. An Natürlichkeit hat sie bei all ihrem Überfliegertum nichts verloren. Doch lesen Sie selbst in unserem Titelinterview mit ihr.

Eine Sopranistin, die schon längst Geschichte geschrieben hat, ist Marlis Petersen. Weit über ein Jahrzehnt war sie die Lulu schlechthin – bis sie die Partie nach einer letzten Vorstellungsserie in New York 2016 an den Nagel hängte. Nicht nur stimmlich, auch in der Verkörperung vermochte sie auf der Bühne mit der Femme fatale so sehr eins zu werden, dass mancher die Sängerin für eine Eisprinzessin hielt. Auch Ende Juni wird die Sopranistin wieder frösteln lassen, nämlich dann, wenn sie an der Bayerischen Staatsoper erstmals als Salome die Köpfe rollen lässt. Sanft und von einer fast privaten Seite hat der Interessierte Marlis Petersen hingegen auf ihren letzten beiden CDs kennenlernen können. Zwei persönlich geprägte, vielleicht sogar bekenntnishafte Konzeptalben, auf denen die Künstlerin nicht nur die sichtbare, sondern auch die verborgene Welt besingt. Wie sie dazu kam und was sie an der Salome reizt, lesen Sie in diesem Heft.

Überhaupt: Verborgene Welten, Überweltliches, Transzendenz – Opernwerke sind voll davon! In einer Spurensuche geht unser Autor Wolfgang-Andreas Schultz der Frage nach, wo in der Oper das Menschliche in einen es übersteigenden Rahmen gestellt wird. Als Ausdrucksmittel zur Artikulation menschlicher Urthemen und -empfindungen verfügt die Gattung Oper immerhin über Möglichkeiten wie keine andere Form der darstellenden Kunst. Sicher auch deswegen schimmert durch so manches Werk die blanke Archaik – was sie inhaltlich nicht weniger relevant für unsere Zeit macht. Man muss die Allzeitgültigkeit nur herausarbeiten, so wie es Andreas Homoki in seiner Neuinszenierung von Verdis Nabucco Ende Juni in Zürich anstrebt. Man darf gespannt sein! Nicht zuletzt auch wegen des Debüts von Michael Volle in der Titelrolle.

Ich wünsche Ihnen eine gute und anregende Lektüre!

 

Herzlich, Ihr Ulrich Ruhnke