Editorial

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Zu hoch, zu tief, zu laut,
zu leise?

Oper ist Kunstreligion – mit Potential für Glaubenskriege zwischen Tradition, Exegese und Forschung. Ein Beispiel ist die Musik Mozarts, die seit Jahren ein paar Stufen runtergefahren wird, in der Lautstärke wie in der Individualität. Die Partien werden heute durchgängig leichter besetzt als ehedem, und kaum ein Nachwuchssänger pflegt Mozart noch als lebenslanges Repertoire-Zentrum mit ganz eigenem Stil. Wie sich das genauer verhält, steht in unserem Themenbeitrag.

Zu hoch, zu tief, zu früh, zu spät, zu laut, zu leise. Vorwürfe an Sänger und Musiker gibt es mindestens so viele wie es Kollegen und Zuhörer gibt. Zum Glück! So schützen sich die Beteiligten vor dem vorschnellen Schließen der Akten mit scheinbar finalem Richterspruch, vor der Überbewertung fremder Kritik nicht minder wie jener der eigenen (Selbst)- Bewunderung. Zumindest theoretisch. In der Praxis ist die Oper eine Kunstreligion – schon seit ihren Anfängen und lange bevor Richard Wagner sie dazu ernannte. Das überlieferte Material unterliegt notwendig der Exegese, der permanenten Neubefragung auf der Grundlage aktuellster wissenschaftlicher Forschung, aber auch der Tradition und am entscheidendsten: der Deutungsrichtung aus der Perspektive individueller oder kollektiver Überzeugungen. Und spätestens hier fangen die Glaubenskriege an, in deren Auseinandersetzungen z.B. schon seit Jahren die Musik Mozarts ein paar Stufen runtergefahren wird: in der Lautstärke wie in der Individualität. Die Partien des Salzburger Meisters werden heute durchgängig leichter besetzt als noch vor zehn oder gar zwanzig Jahren. Leontyne Price als Donna Anna? Auf diese Idee käme heute wohl kein Besetzungschef mehr, schon allein aus Kostengründen. Eine solche Honorarhöhe nur für eine Partie, die man vermeintlich auch locker aus dem Ensemble besetzen kann? Sicherlich sind auch die breite Rezeption der historisch informierten Musizierpraxis sowie die bevorzugte Verpflichtung von jüngeren, weil als solche besser zu unserer aktuellen Regie- und Gedankenwelt passenden Sängern ursächlich für das bemerkenswerte Phänomen, dass es heute keine Mozart-Stars mehr gibt wie früher. Noch zentraler aber dürfte sein, dass die meisten Nachwuchssänger Mozart heute nicht mehr als ein lebenslanges Zentrum ihres Repertoires pflegen und dabei ihren ganz eigenen unverwechselbaren Mozart-Stil entwickeln. Mozart-Sänger sind austauschbarer geworden. Doch wie sich das genauer verhält, das lesen Sie in unserem Themenbeitrag.

Während sich mancher wünschen mag, Mozart vokal wieder vollvolumiger zu hören, pocht der Dirigent John Nelson auf eine stimmliche Abrüstung bei den Werken von Hector Berlioz. Die Forderung kommt nicht von irgendwem, sondern von einem, wenn nicht gar dem besten Berlioz-Kenner unserer Tage. Sein erst halb vollendeter Zyklus von (Bühnen-)Werken des französischen Komponisten (u.a. mit Joyce DiDonato und Michael Spyres) gilt schon jetzt als epochal. Und weiteres Großes steht noch an, wie uns der in Costa Rica geborene Amerikaner im Interview verrät: Roméo et Juliette und L’enfance du Christ. Mit DiDonato ist außerdem eine neue Carmen geplant.

Auf keinem Opernkriegsschauplatz allerdings wird unerbittlicher und vehementer gekämpft als auf dem der Regie. Gleich zwei Inszenierungen sind aktuell entstanden, die dem szenischen Establishment radikal entgegenlaufende Lösungen vorschlagen: die hinter einem vermeintlichen Realismus klug herausgearbeitete Interpretation von Gounods Faust durch den jungen Regisseur und Ausstatter Ben Baur am Theater St. Gallen sowie Samson et Dalila an der Berliner Staatsoper in dem handwerklich gescheiterten Regieansatz von Damián Szifron. Eine vertane Chance! Lesen Sie zu diesen und vielen anderen Produktionen die ausführlichen Rezensionen in der vorliegenden Ausgabe.

Herzlich, Ihr Ulrich Ruhnke