Editorial

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Surplus oder systemrelevant?

Nur schönes Beiwerk in guten Zeiten? Der Shutdown hat eine Grundsatzdiskussion zum Stellenwert der Kultur ausgelöst. Dass die zum Teil auch noch von manchen Intendanten befeuert wird, ist reichlich unnötig. So oder so – die Paralyse scheint vorbei. Jetzt geht es darum, wie die Öffnung der Theater und Opernhäuser gemeistert werden kann. Erste Beispiele gibt es.

„Wir sind das Surplus einer Zivilisation, das sich die Zivilisation als Ausweis ihrer Zivilisiertheit leistet“, definierte kürzlich in einem Interview der Intendant der Berliner Schaubühne, Thomas Ostermeier, das Theater. Weil es nichts bringe, weil niemand von ihm profitiere und es keinerlei Nutzen habe. Das seien der Sinn und die Essenz von Kunst, sonst wäre sie nicht frei und deswegen sei sie auch nicht systemrelevant.

Ist sie doch, sagt Ulrich Khuon, Präsident des Deutschen Bühnenvereins, und mit ihm viele andere, die nach Argumenten suchen, aus denen sich ableiten lässt, warum man der Kultur auch und gerade in diesen Krisenzeiten eine besondere Unterstützung zukommen lassen muss, ganz so, wie sie die Politik auch anderen Gesellschaftsbereichen zugesteht. In der breit gefächerten Diskussion wähnt man sich jedoch manches Mal im falschen Film. Wo es eigentlich darum gehen sollte, wie und wann man der Kulturbranche und ihren Akteuren schnell und möglichst umfassend die Hilfe gewähren kann, ohne die sie nicht überlebensfähig sind (soweit herrscht Konsens), verfallen die potenziellen Zuwendungsempfänger zur absoluten Unzeit in eine Grundsatzdebatte über ihr eigenes Tun, bis hin zum bereitwillig eingeräumten Verständnis mancher Theaterleiter, dass die Kultur jetzt erst einmal hintanzustehen habe. Aber wer, wenn nicht die Vertreter der Kultur, sollten jetzt für ihr Tun und ihren Bereich eintreten?!

Wie ein sortierender Gruß aus der Nachbarschaft vernahm sich in dieser Situation die Äußerung des österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen, der es in einem einfachen Dreisatz auf den Punkt brachte: Kunst und Kultur haben einen Wert an sich. Die Nicht-Kulturschaffenden leben wesentlich in der Interaktion mit der Kunst. Und Kunst und Kultur haben eine kommerzielle Bedeutung, beispielsweise für den Tourismus, aber natürlich vor allem für diejenigen, die Kunst und Kultur (er-)schaffen. Deswegen sei ihre über den rein ideellen Zuspruch hinausgehende Forderung nach finanzieller Absicherung richtig und wichtig. Als persönliches Beispiel für die bereichernde Interaktion des Laien mit der Kunst nannte er seinen eigenen Besuch einer Aufführung der Salome bei den Salzburger Festspielen, die ihn „hingerissen“ habe, obwohl er generell kein Opern-Fan sei. Eine eindeutige Botschaft in klaren Worten, die in Deutschland im Meer der mehr oder weniger nebulösen (Hilfs-)Argumente bis dato so zumindest nicht zu vernehmen war.

Gleichwohl, es tut sich was. Erste Förder- und Hilfsprogramme für freischaffende Künstler sind gestartet und ein die Möglichkeit zur Kurzarbeit regelnder Tarifvertrag („TV COVID“) wurde rückwirkend ab dem 1. April und befristet bis 31. Dezember 2020 abgeschlossen. Künstlerisch gab es sogar einen ersten Neustart unter den wahrscheinlich bis zur Ausgabe eines Medikaments oder Impfstoffs andauernden Pandemie-Ausnahmebedingungen: Am 18. Mai öffnete erstmals das Staatstheater Wiesbaden wieder seine Türen für einen Liederabend von Günther Groissböck. Der Bassist hatte sich seit Beginn des Lockdowns für einen anderen Umgang mit der Situation stark gemacht, das Wiesbadener Programm überschrieb er programmatisch mit einem Zitat von Friedrich Schiller: „Mein Geist dürstet nach Taten, mein Atem nach Freiheit“. Etwa 120 Zuschauer waren im gut 1.000 Personen fassenden Zuschauerraum zusammengekommen, streng durch jeweils drei freie Sitze nach links und rechts sowie durch eine unbesetzte Reihe vor und hinter ihnen zu den anderen Gästen auf räumlichen Sicherheitsabstand gehalten. Desinfektionsspender, Pflicht zur Gesichtsmaske in den Foyers (nicht mehr dann auf dem Sitzplatz) und ein klar strukturiertes, durch Markierungen vorgegebenes Boardingsystem. Es geht also! Und: Die Zeit der zunehmend austauschbarer und inflationär werdenden, ausschließlichen Online-Alternativangebote ist vorbei.

Das Argument der Intendanten, mit solchermaßen notgedrungen reduzierten Publika könne man nicht wirtschaftlich arbeiten, ist das schwächste überhaupt. Es marginalisiert die Häuser zu Freizeiteinrichtungen in guten Zeiten. In einer Situation, in der sich die Opernhäuser in der von ihnen sonst so gerne beschworenen gesellschaftlichen Relevanz endlich einmal wirklich behaupten könnten, verweisen die meisten von ihnen auf eine Kosten-Nutzen-Rechnung wie ein kalt kalkulierendes Wirtschaftsunternehmen. Wie es beispielsweise manche Fluggesellschaften sind, die ihre Fluggäste auch in der aktuellen Situation dicht an dicht ohne jegliche Sicherheitsabstände transportieren (dürfen). Der Bariton Michael Volle, der gemeinsam mit seiner Frau, der Sopranistin Gabriela Scherer, als nächster in Wiesbaden mit einem Arien-Abend angekündigt war, postete etwa ein entsprechendes Foto aus einer nahezu vollbesetzten Lufthansa-Maschine. Angesichts solchermaßen widersprüchlicher Verbote und Erlaubnisse darf man sich über die wachsende Verunsicherung und nachlassende Disziplin der Bevölkerung im Umgang mit Abstands- und Hygienevorgaben nicht wundern.

Sollte es zu einer Öffnung der Theater und Opernhäuser kommen, wie sie von den Kulturministern von Bund und Ländern im Mai empfohlen wurde, werden die Schutzmaßnahmen sowohl vor als auch hinter der Bühne streng sein. In dem Positionspapier, das der Bundesregierung und den Länderchefs vorgelegt wurde, werden jedenfalls detailliert Präventivmaßnahmen aufgelistet. Auch in anderen Ländern betritt man inzwischen erste Wege zu einem Spielbetrieb auch während der Pandemie. Sogar in Italien, einem der von Corona am stärksten betroffenen Länder, gab es bereits erste Zeichen der Öffnung: Das Rossini Opera Festival in Pesaro wird stattfinden. Natürlich nicht in seiner ursprünglichen Planung, sondern mit einem Alternativprogramm. Aber immerhin: ein Hoffnungszeichen!

Unser Heft erscheint in einer Phase des Umbruchs, im Juni schon wird sich die Situation ganz anders darstellen als noch zum Redaktionsschluss. Die gute Nachricht daran: Und sie bewegt sich doch, die Kulturlandschaft!

Bleiben Sie gesund! Wir wünschen Ihnen gute Lektüre mit einem weiteren Heft in der Pandemiezeit!

Herzlich, Ihr Ulrich Ruhnke