Editorial

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Sänger werden – ist schwer. Sänger sein – auch.

Am Anfang der Karriere sowieso. Aber auch noch mitten drin. Hier spannen sich Fallstricke wie fragwürdige Rollenentscheidungen oder – weniger schwerwiegend – die besonderen Anforderungen mancher Bühnen, siehe Bregenz. Mal geht’s rauf mit der Karriere, mal runter. Wir haben eine Liste der „Ups and Downs“ erstellt.

Jung, begabt – verkannt und kaputt gemacht? Liest man die Interviews der vorliegenden Ausgabe, kann man durchaus den Eindruck gewinnen, dass später erfolgreiche künstlerische Karrieren zu Beginn nicht mit Hilfe, sondern trotz des offiziellen Ausbildungswegs möglich waren. Hochschulen, die eine Aufnahme ablehnen, Gesangslehrer, die das Falsche empfehlen, Wettbewerbe, die andere gewinnen. Die Hindernisse, die einem jungen Sänger im Weg stehen, sind vielgestaltig und wirken tief – gerade in einem Beruf, in dem das innere Befinden so eng mit der Ausübung der Tätigkeit verknüpft ist wie beim Opernsänger. Wie kommt man als junger Künstler da heraus? Was bewegt ihn dazu, Widrigkeiten die Stirn zu bieten und weiterzumachen, auch wenn von außen die Ampeln auf Rot geschaltet werden? Die Wege sind so zahlreich und individuell wie die Persönlichkeiten, die sie gehen. Aber Mut und Selbstvertrauen sind bei allen die grundlegende Basis. Das eigene Urteil über die eigenen Fähigkeiten ist später auch das entscheidende Kriterium für die Übernahme neuer, bisherige Grenzen überschreitender Partien und die Weiterentwicklung der eigenen Stimme – Fehleinschätzungen sind da natürlich möglich. Die Mezzosopranistin Violeta Urmana etwa, die einige Jahre auch Sopranrollen gesungen hat, sagte Ja zur Elektra (obwohl ihr die Partie zunächst zu brutal erschien), aber Nein zur Gioconda, was sie, nach eigener Auskunft, ewig bereuen wird. Die US-Amerikanerin Angel Blue wiederum – bislang vor allem als Mimì und Violetta präsent – wird in diesem Sommer bei den Festspielen in Aix-en-Provence ihre erste Tosca geben. Und Marina Rebeka, unsere Cover-Künstlerin, erweitert bei den Salzburger Festspielen ihr Repertoire mit der Amelia in Simon Boccanegra, eine Rolle, die sie sich erstmals im letzten Jahr an der Wiener Staatsoper erobert hat. Auch Pavel Černoch geht mit seinem ersten Jason an der Salzach ein kalkuliertes Risiko ein.

Für einen Sänger, der auf der Bregenzer Seebühne auftritt, gehört zusätzlich zu Mut und Risikobereitschaft ganz sicher eine gehörige Portion besonderer Unerschrockenheit dazu. Ungeschützt den wechselhaften Witterungsbedingungen ausgesetzt sein, Singen bei Regen und im Scheinwerferlicht voll Mückenschwärmen, szenische Herausforderungen, wie sie nur auf der übergroßen Freiluftbühne gefordert werden – das sind Arbeitsbedingungen, die sich nicht jeder Künstler antun möchte. Umso beachtenswerter, welch hochkarätigen Besetzungen die Festspiele hier jedes Jahr auch für diese ganz besondere Spielstätte zusammen bekommen. In diesem Sommer etwa Sergey Romanovsky als Herzog und Scott Hendricks als Rigoletto. Was sie und ihre Kollegen in Bregenz backstage erwartet, welche Bregenzer Besonderheiten und arbeitstechnischen Schwierigkeiten, das erfahren Sie in unserem Themenbeitrag.

Wie sehr man auch als erfahrene Sängerin vor Fehlentscheidungen nicht gefeit ist, konnte man Ende Mai an der Wiener Staatsoper bei der Doppeljubiläums- Premiere der Frau ohne Schatten beobachten (150 Jahre Wiener Staatsoper, 100 Jahre Uraufführung des Werks): Evelyn Herlitzius, ohne Zweifel eine beeindruckende Hochdramatische der letzten Jahre, gar Jahrzehnte, die gerade auch durch ihre Gesamtleistung von Darstellung und Gesang begeisterte, hat erstmals die Amme gesungen und sich damit keinen Gefallen getan. Doch lesen Sie mehr dazu in unserer Rezension. Welche Entscheidungen zum eigenen Nachteil – wie auch zum Vorteil – manche Sängerinnen und Sänger treffen, lesen Sie außerdem in unseren „Ups and Downs“. Nicht jeder künstlerische Werdegang ist ein kontinuierliches Aufwärts. Bei nicht wenigen ist erhebliche abwechselnde Bewegung nach oben wie unten, bei manchen gibt es klare Tendenzen in die eine wie die andere Richtung. Wir haben uns ein paar prominente Namen angesehen und geben eine aktuelle Bestandsaufnahme.

Ich wünsche Ihnen eine gute und anregende Lektüre!

Herzlich, Ihr Ulrich Ruhnke