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Foto: Simon Pauly

Editorial

Verwandt und doch verschieden

2018, so scheint es, wird ein Jahr, in dem es Oper und Bildende Kunst noch einmal so richtig voneinander wissen wollen.

Nahezu seit ihren Anfängen ist die Oper mit der bildenden Kunst verbunden. Mal mehr, mal weniger eng, aber doch beständig. 2018, so scheint es, wird ein Jahr, in dem es beide noch einmal so richtig voneinander wissen wollen. Den Anfang macht aktuell im Februar die Performance-Künstlerin Marina Abramović an der Flämischen Oper Antwerpen. Gemeinsam mit Sidi Larbi Cherkaoui, dem belgischen Choreografen und Regisseur, der anderorts bereits überaus klug und neuartig Oper in Szene gesetzt hat, wird sie Debussys Pelléas et Mélisande realisieren. Im Juni dann wird Georg Baselitz – gerade 80 geworden – bei den Münchner Opernfestspielen Wagners Parsifal visualisieren, nur einen knappen Monat später gefolgt vom Leipziger Maler Neo Rauch, der bei den Bayreuther Festspielen für die bildnerische Umsetzung des neuen Lohengrin in der Inszenierung von Yuval Sharon verantwortlich zeichnen wird. Auch den Italiener Romeo Castellucci, der offiziell zwar „nur“ als Regisseur firmiert, dessen szenische Umsetzungen sich aber regelmäßig zu faszinierenden Kunsterfahrungen steigern, die auch bildnerisch weit über das hinausgehen, was man mit Regietheater umschreibt, könnte man noch dazu rechnen. In der Woche nach der Bayreuth-Eröfnung wird er dem Salzburger Festspielpublikum seinen Blick auf Strauss’ Salome präsentieren.

Was haben wir zu erwarten? Riesen des gegenwärtigen Kunstgeschäftes, die die Bühne als gigantische Leinwand und Happening-Raum nutzen? Das Miteinander von Oper und bildender Kunst war oft genug mehr ein Nebeneinander, in dem das Bildnerische wenig mit dem Szenischen verknüpft dieses bloß assoziativ thematisch grob aufschlug, es illustrierte oder auf einer eigenen isolierten Ebene interpretierte, ohne zu einem wirklich symbiotischen Ganzen mit dem Werk und der Regie zu verschmelzen. Gar unterwerfende Dominanz gab es oft genug, wenn Sänger nur noch als bewegliche Skulpturen innerhalb eines Kunstwerkes übrig blieben. Skepsis ist also durchaus angebracht, wenn bildende Künstler, die von den theaterpraktischen Notwendigkeiten eines Bühnenbildes kaum eine Ahnung und noch weniger Erfahrung damit haben, Oper ausstatten. Ein Theater ist hier doppelt gefordert, und es ist nur begrüßenswert im Sinne der Kunst, wenn etwa die Bayerische Staatsoper Georg Baselitz einen versierten und exzellenten Bühnenbildner wie Christof Hetzer zur Seite stellt.

Passend zum Beginn des diesjährigen Reigens von Arbeiten bildender Künstler an Opernhäusern beschäfigen wir uns im aktuellen Themenbeitrag mit eben jener ganz besonderen Beziehung dieser beiden verwandten, aber doch auch ganz verschiedenen Kunstgattungen. Und werfen vertiefend in unserer „Nahaufnahme“ einen Blick in den Arbeits- und Probenraum des Antwerpener Pelléas-Teams. Für dessen Zusammenstellung und Engagement – und hier insbesondere Abramovićs – man Aviel Cahn, den Intendanten des Hauses, nur respektvoll beglückwünschen kann. Es ist nicht der einzige Coup, den der Schweizer im Laufe seiner seit 2009 währenden, künstlerisch bisher glanzvollen Amtszeit gelandet hat. Ab der Spielzeit 2019/20 wird er die Oper in Genf leiten. Traurig, dass die deutsche Theaterlandschaft ihn nicht für sich gewinnen konnte.

2018 ist aber nicht nur das Jahr der bildenden Künstler in der Oper, es ist auch ein Jahr, in dem vieles, das sich schon seit geraumer Zeit entwickelt hat, in immer konkreteren Formen äußert. Da reicht der Bogen von einem veränderten Selbst- und Lebensverständnis von Sängerinnen und Sängern, die nicht mehr bereit sind, ihrem Beruf alles unterzuordnen, über einen verpflichtend anderen Umgang mit geschützten Hölzern und exotischen Naturmaterialien für den (Orchester-)Instrumentenbau bis hin zur #MeToo-Debatte, zu der wir auch im Klassik-Bereich wohl noch einiges zu erwarten haben. Bewegte Zeiten! In denen die Sopranistin Sonya Yoncheva und der Tenor John Osborn zu den herausragenden Künstlern gehören. Mit beiden haben wir für die vorliegende Ausgabe ein Interview geführt. Ich wünsche Ihnen eine gute und anregende Lektüre!

Herzlich
Ihr
Ulrich Ruhnke
Chefredakteur