Editorial

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Gewöhnungsphase

Man spielt wieder. Aber eingespielt haben sich die Dinge noch nicht. 200 oder doch 500 Besucher? Mund-Nase-Bedeckung durchgängig oder nicht? Die Öffnungsansätze fielen zu Spielzeitbeginn sehr unterschiedlich aus und konnten sich auch rasch wieder ändern. Dennoch Grund genug zu – vorsichtigem – Optimismus. Nicht auf das baldige Ende der Pandemie, sondern im abwägenden Umgang mit ihr.

Zwei berühmte Künstlerinnen mit klangvollen Namen und ein Werk, das beide vereint: 7 Deaths of Maria Callas. Die zwischen den Kunstgattungen oszillierende Arbeit der Performancekünstlerin Marina Abramović über die Opernsängerin Maria Callas wurde schon vor ihrer Uraufführung an der Bayerischen Staatsoper solchermaßen gehypt, dass sämtliche Aufführungen weit im Voraus ausverkauft waren. Schon im April, als die eher filmische denn theatrale Opernperformance eigentlich erstmals vor 2.100 Zuschauern im Nationaltheater München hätte gezeigt werden sollen. Und selbstredend Anfang September, als die coronabedingt verschobene Premiere endlich stattfinden konnte. Allerdings waren von der Bayerischen Staatsregierung hierfür aus Sicherheitsgründen nur 200 Zuschauer zugelassen worden, bis Kunstminister Bernd Sibler anderthalb Tage vorher verkündete, es dürften nunmehr pilotweise doch 500 Personen sein. Dass er damit mehr als doppelt so vielen Menschen die Möglichkeit gab, einer mit Großem im Gedächtnis gebliebenen Künstlerin beim Abstieg in den kunstgewerblichen Herbst ihres Schaffens beizuwohnen, ist das eine. Das andere ist die extreme Kurzfristigkeit der Entscheidung, die sich in bester Behördentradition keine weiteren Gedanken um die Möglichkeiten ihrer Umsetzung machte.

In Berlin hat der in der Vergangenheit in Sachen Corona eher überängstlich agierende Kultursenator Klaus Lederer den Theatern Mitte September immerhin die Möglichkeit eingeräumt, bis zu 60 Prozent ihrer Plätze zu besetzen, sofern die Besucher einen Mindestabstand von einem Meter einhalten und ihre Mund-Nasen-Bedeckung auch während der Vorstellung tragen. Wo dies nicht gewünscht ist, kann sich der Intendant auch für die Variante mit anderthalb Metern Abstand und maskenlosem Aufführungsgenuss entscheiden. Für die Deutsche Oper Berlin, die am 27. September mit der Walküre ihren neuen Ring in der Regie von Stefan Herheim begonnen hat (Das Rheingold wird 2021 nachgeholt), schafft die Vorschriftenänderung immerhin die (rechtzeitige und umsetzbare) Möglichkeit zur Erhöhung der Kapazität von 450 auf 770 Plätze. Für den Zuschauer bedeutet es weiterhin den Umgang mit ganz unterschiedlichen Corona-Regeln in Deutschland, zum Teil sogar innerhalb eines Bundeslandes. Während besagte Bayerische Staatsoper ihre Mozart-Opern in gekürzten pausenlosen Fassungen präsentiert, durfte das im September erstmals veranstaltete Barockfestival in Bayreuth Nicola Antonio Porporas fünfstündige Opera seria Carlo il Calvo aufführen. Inklusive zweier Pausen, die für die Sicherheitsstatistik jeden Akt wie eine eigene Aufführung werten ließen.

In Hamburg wiederum fragt Kultursenator Carsten Brosda bei einer öffentlichen Diskussion, ob man die Sicherheitsmaßnahmen bei Veranstaltungen, in denen die Besucher still nebeneinandersitzen und weder sprechen noch tanzen, nicht lockern könnte, wenn zudem für eine ausreichende Belüftung gesorgt sei. Den aufbrandenden Applaus fängt Brosda gleich wieder ein, indem er betont, dass dies nur eine Frage sei. Die Antwort müsse von Ärzten und Hygienikern kommen. Wirklich? Muss sie das? Können Mediziner und Wissenschaftler nicht grundsätzlich immer nur Berater bei einer Entscheidung sein, die noch ganz andere Aspekte und Dimensionen berücksichtigen muss? Entscheiden können nur die Bürger und das mittelbar durch die von ihnen gewählten Vertreter. Mit einem Weiterreichen der Verantwortung jedenfalls stiehlt sich die Politik aus der eigenen. Das Eingestehen in die immer gegebene Vorläufigkeit des eigenen Wissens ist weder in der Wissenschaft noch in der Politik sehr ausgeprägt. Die ganz unterschiedlichen Öffnungsversuche zu Beginn der neuen Spielzeit sollten jedoch vorsichtig optimistisch stimmen. Nicht auf das baldige Ende der uns sicher noch einige Zeit beschäftigenden Pandemie, sondern im wachsamen und abwägenden Umgang mit ihr.

Herzlich, Ihr Ulrich Ruhnke