Editorial

Foto: Simon Pauly

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Der klassische Einspringer-Start

Der Star sagt ab und kurzfristig bekommt die Sängerin aus der zweiten Reihe ihre Chance. Sie hat Erfolg, feiert ihren Durchbruch und steht auf einmal im internationalen Rampenlicht. Doch kann sich die Neue dauerhaft an der Spitze behaupten? Viele der Over-Night-Stars werden von der Realität schon bald wieder einkassiert. Im Fall der US-Amerikanerin Lisette Oropesa sieht es für einen Verbleib weit oben nicht schlecht aus.

Lisette Oropesas Stunde schlug, als Diana Damrau ihre Mitwirkung als Marguerite de Valois in der neuen Hugenotten-Produktion im Oktober in Paris absagte und kurzfristig ein Ersatz gefunden werden musste. Oropesa kam und siegte in dieser für sie bislang größten beruflichen Herausforderung. Die 35-Jährige hat allerdings auch gut vorgearbeitet. Vorangegangene Rollen haben sie trainiert und weiterentwickelt, nicht überfordert. Und auch persönlich ist sie erstarkt nach durchaus schwierigen Anfangsjahren mit argen Selbstzweifeln und Problemen, wie sie uns im Titelinterview für diese Ausgabe berichtet. Im lauschigen Kronleuchterambiente der internationalen Opernwelt mangelt es schließlich nicht an fiesem Hauen und Stechen. Da bedarf es neben stimmlicher Begabung einer gesunden psychischen Robustheit. Nicht weniger als physischer Belastbarkeit und der Bereitschaft zu einem eher familienunfreundlichen, oft einsamen Hotel- und Nomadenleben jenseits des Applauses.

Genau hierin sieht Liudmyla Monastyrska übrigens den Grund dafür, warum wir von vielen exzellenten Sängern – von denen sie überzeugt ist, dass es sie gibt – nichts wissen. Weil sie im internationalen Reisezirkus nicht mitmachen (wollen). Die ukrainische Sopranistin, als einer der begehrtesten Verdi-Soprane selbst seit vielen Jahren im weltweiten Operngeschäft unterwegs, hat ihre persönliche Balance zwischen Berufs- und Privatleben inzwischen gefunden. Leicht war und ist das jedoch nicht, wie sie uns im Interview sagt.

Auch Sylvie Valayre ist eine berühmte Verdi-Sängerin. War es, besser gesagt. Die Französin begann zwar erst mit Mitte 20 ihr Gesangsstudium, doch schon bald eroberte sie im Eiltempo eine Bühne nach der anderen, bis ihr Einspringen für Júlia Várady als Abigaille in London im Jahr 1996 sie schlagartig berühmt machte und Valayre fortan auf der Welle des Erfolges surfte. Dann der Bruch auch aus privaten Gründen. Die gebürtige Pariserin adoptierte ein Kind und wurde so mit über 50 das erste Mal Mutter. Wie ihr Leben heute aussieht, darüber erfahren Sie mehr in unserer Reihe „Was macht eigentlich …“.

Dass ausgerechnet Iván Fischer in diesem Jahr ein neues Opernfestival gegründet hat, ist ebenso seltsam wie schlüssig. Nun ist der ungarische Dirigent zwar keineswegs ein häufiger Gast in den Orchestergräben dieser Welt, sondern schwerpunktmäßig im symphonischen Bereich zu Hause. Doch ist Fischer der Oper durchaus sehr zugetan, nur eben nicht in der Form, wie sie in den Opernhäusern seit Jahrzehnten für gewöhnlich realisiert wird: „Der Regisseur ist der junge Typ, der das Werk ins Heute trägt. Und der Dirigent? Nach dieser Idee ist er faktisch ein altmodischer Herr, der darauf achtet, dass die Partitur urtextgenau aufgeführt wird. Das bin ich nicht“, lautet sein Statement dazu. Wie er sich Oper besser denkt, konnte man nun erstmals im herrlichen Teatro Olimpico im oberitalienischen Vicenza begutachten, dem Ort, an dem das Festival fortan jährlich stattfinden soll.

Ebenfalls im jährlichen Rhythmus, und das immer im Dezember, lassen wir Revue passieren, welche optischen Eindrücke des ausklingenden Opernjahres uns besonders im Gedächtnis geblieben sind. Denn oft sind es einzelne Elemente, Requisiten oder Kostüme, die stellvertretend für eine ganze Produktion in Erinnerung bleiben. Auch in dieser Ausgabe präsentieren wir Ihnen unsere „Top of the Props“ – natürlich maximal subjektiv und nicht immer ganz ernst gemeint. Wir wünschen gute Lektüre!

Herzlich, Ihr Ulrich Ruhnke