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Foto: Simon Pauly

Editorial

Mehr Handwerk als Handschrift

Ersetzt eine neue Souveränität den bestehenden Originalitätsdruck im überhitzten Regiegeschäft? 

Zufall oder das Gesetz der Serie? Als sich im Dezember vergangenen Jahres der Vorhang über dem Planeten hob, auf den Regisseur Claus Guth Puccinis La bohème verfrachtet hatte, war sein Kollege Tobias Kratzer soeben dabei, nämliches zu tun, nur mit einem anderen Stück, mit Meyerbeers L’Africaine. Seit Februar kreist sie im Weltraum, abgeschossen von den Bühnen Frankfurt und seit März nunmehr in bester Gesellschaft mit Carmen, ihrerseits auf die Umlaufbahn gebracht von Aik Karapetian an der Opéra de Montpellier. Drei Weltraum-Storys binnen guter Dreimonatsfrist, und das in einem Metier, in dem Science-Fiction bislang keine größere Rolle spielte! Woher nun die fröhlichen Urstände? So richtig plausibel, gar zwingend ist keine der Erzählarten geraten, am ehesten noch die von Guth in Paris, dann abnehmend in genannter Reihenfolge. Doch es lag offenbar etwas in der Luft, von dem der nachvollziehbare künstlerische Wunsch, Neues zu schaffen, nur der eine Teil gewesen sein dürfte. Auffallen der andere. Karapetian jedenfalls gab im Vorfeld unumwunden zu, auf viele Buhs zu hoffen, da er doch einen neuen Job brauche! Da ist er wieder, in voller Entfaltung, der Originalitätsdruck einer Branche, die im Kerngeschäft, der Produktion neuer, dauerhaft bestehender Werke, weitestgehend versagt und sich dafür umso mehr um die Verpackung kümmert. Doch wie meinte Regie-Altmeister Hans Neuenfels in unserer letzten Ausgabe? Es sei noch nichts damit geklärt, wenn man die Kutsche gegen einen Porsche austausche. Auch sonst darf man nicht zu tief ins Werk einsteigen, will man nicht der Wahrheit ins Auge blicken, dass das Gebotene allzu oft nur unter Ausblendung etlicher Widersprüche und Ungereimtheiten Sinn ergibt.

Das Diktum des designierten Intendanten der Bayerischen Staatsoper ab 2021, Serge Dorny, es gehe künftig mehr um Handwerk als um Handschrift, könnte auf eine neue Entspanntheit in einem an vielen Stellen überhitzten Regiebetrieb verweisen. Die Souveränität jedenfalls, solches Vorhaben auch umzusetzen, hat der Belgier schon bewiesen, als er trotz vorhersehbarer Missbilligung vor allem aus der Kollegenszene das Experiment wagte, drei legendäre, aber längst abgespielte Inszenierungen neu bauen und auf die Bühne bringen zu lassen. Sicher kein Dauermodell für die Zukunft, aber mutig und Diskussionen anstoßend. Ob die Skater und Streetdancer, die im hallenartigen, offenen Eingangsbereich der von Dorny derzeit noch geleiteten Oper Lyon regelmäßig anzutreffen sind, künftig auch vor dem Nationaltheater München zu finden sein werden, dürfte jedoch bezweifelt werden. Junges Publikum, Offenheit und die breite Verankerung in der Stadt hat Dorny seinem französischen Haus ganz gewiss gegeben. Die Hobbysportler jedoch – wie es regelmäßig getan wird – als Zeugen genau hierfür auszurufen, ist absurd. Eher dürfte man den perfekt glatten Steinboden und die fast wie ein Ballettsaalspiegel reflektierende Glasfront des Hauses in berechtigtem Verdacht haben. Von einer solchen jedoch ist München weit entfernt. Vor allem müsste erst einmal der vorgelagerte Max- Joseph-Platz von seiner aktuellen Busparkplatz- und Tiefgarageneinfahrt-Situation zu einem lebendigen innerstädtischen Platz umgestaltet werden, der zum Verweilen einlädt.

Wie kommt man eigentlich dazu, in der Oper zu verweilen, sich mit ihr auseinanderzusetzen, ihr zuzuhören? Unser diesmonatiger Themenbeitrag beschäftigt sich mit der ersten Liebe zur Oper, mit den Schlüsselmomenten, über die Menschen den Weg zu jener musikalischen Form des Theaters finden. Warum hingegen für die vielleicht beste Hochdramatische unserer Zeit, Nina Stemme, der Weg nicht mehr nach Bayreuth führt, berichtet uns die Schwedin im Interview. Und Bejun Mehta, einer der großen Countertenöre, spricht über den Unterschied zwischen Countertenor und Falsettist – und warum er keiner Clique angehört. Warum das Hawaii Opera Theatre vor dem Umbruch steht und wie es überhaupt zu der Gründung einer Oper auf der gar nicht so paradiesischen Insel kam, lesen Sie ebenfalls in dieser Ausgabe. Ich wünsche Ihnen eine gute und anregende Lektüre!

Ihr
Ulrich Ruhnke
Chefredakteur