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Februar 2022

Von Ulrich Ruhnke
24. März 2022
in Editorials
Lesedauer: 3 mins read
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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,

Ein „hypnotisierendes Ebenmaß in der Melodieführung“ und einen „wasser­klaren Klang“ bescheinigt in der vor­liegenden Ausgabe unser New Yorker Autor der italienischen Sopranistin Rosa Feola. Als Gilda in der (mit der Berliner Staatsoper koproduzierten) Neuinszenierung von Rigoletto an der Metropolitan Opera hat sie das Premierenpublikum am Silvesterabend in begeistertes Staunen versetzt. Schon in unserem Titelinterview für die Januar-Ausgabe hatte Feola darauf hingewiesen, dass bei dieser Produk­tion vieles zusammenkam, was die Kunstproduktion begünstigt und ein Optimum im Ergebnis ermöglicht hat. Der Idealfall eines Kurzzeit-Ensembles vielleicht, bei dem freischaffende Künstler für einen begrenzten Zeitraum zusammenfinden und gemeinsam Großes entstehen lassen. Der Einkauf prominenter Namen allein ist noch kein Garant hierfür. Der Aufbau einer Langzeit-Zwangsgemeinschaft aus festangestellten Ensemble-Mitgliedern, die gemeinsam eine Premiere nach der anderen herausbringen (müssen), allerdings auch nicht. Der viel beschworene, aber selten erreichte Ensemblegeist, der dann auch so etwas wie Zauberstun­den entstehen lassen kann, lässt sich nicht erzwingen. Weder im Stadttheater mit Festensemble, noch in der Staatsoper mit Gastsängern. Beide Modelle haben ihre Vor- und Nachteile – für das Erreichen des künstleri­schen Gesamtergebnisses ebenso wie für den einzelnen Künstler.

Nahezu alle freischaffenden Sängerinnen und Sän­ger haben in der Corona-Pandemie die Risiken und Nachteile ihrer selbstständigen Tätigkeit mit voller Wucht zu spüren bekommen, nicht wenige von ihnen zieht es deshalb (zurück) ins Ensemble. Auch die spätes­tens nach der Pandemie zu erwartenden, stellenweise jetzt schon angekündigten Kürzungen der Kulturetats sowie die Megathemen Klimaschutz und Nachhaltigkeit lassen das Ensemble in altem neuem Glanz erscheinen. Der künstlerische Jet-Set jedenfalls wird sich künftig einem deutlich verschärften klimamoralischen Recht­fertigungsdruck ausgesetzt sehen. Doch kann das Ensemble hier die Lösung sein? Das Bild, das sich bei näherer Betrachtung zeigt, ist nicht nur rosig. Lesen Sie dazu mehr in unserem Themenbeitrag.

Auch die andere Perspektive ist in der aktuellen Ausgabe vertreten: Der Bariton Rafael Fingerlos war mehrere Jahre Mitglied des Ensembles der Wiener Staatsoper, das er nun verlassen hat, um in der Gestal­tung seines künstlerischen Wegs ganz frei zu sein. Im Titelinterview spricht er über seine aktuelle Mozart-CD sowie künftige Projekte.

Schwierig ist die Perspektive derzeit nicht nur für die Künstler, sondern auch für die Opernhäuser, die aktuell allesamt damit kämpfen, das Publikum zu mobilisieren. Selbst in New York, wo die traditionell groß zelebrierte Silvester-Gala ein früher schnell aus­verkaufter Termin war, fand die Vorstellung dieses Mal vor etlichen freien Plätzen statt. Immerhin konnte das Haus seit der Wiedereröffnung Ende September sein Programm durchziehen wie geplant – ein keinesfalls zu unterschätzender Vorteil, auch um das Vertrauen eines durch die Pandemie verunsicherten Publikums (zurück) zu gewinnen. Ebenso wichtig hierfür: das dauerhafte, unveränderte Angebot von 100 Prozent der Plätze.

Ganz anders dagegen die Situation in Europa. Seit Spielzeitbeginn im Spätsommer haben viele Opernhäu­ser schon wieder tage- oder sogar wochenweise schlie­ßen müssen. Und das keineswegs als nachvollziehbare logische Konsequenz des Pandemiegeschehens. Zum Redaktionsschluss etwa galt in Bayern nach wie vor, dass die Gastronomie mit der 2G-Regel (geimpft oder genesen) voll besetzen darf, die Opernhäuser dagegen nur mit der verschärften 3G-Regel (geimpft oder gene­sen und geboostert oder negativ getestet) und dann nur zu 25 Prozent!

Gegen ähnliche Ungleichbehandlungen gab es im Januar in den Niederlanden Protest von den Kultur­schaffenden. Der Rechtsträger der Wiener Staatsoper scheint sein Publikum sogar besonders gerne abschre­cken zu wollen: Zutritt nur als dreifach Geimpfter plus negativem PCR-Test.

Erneut drängt sich der Eindruck auf, dass der Staat der Meinung ist, mit den von ihm finanzierten Kultur­einrichtungen machen zu können, was er will. Und sei es nur, um symbolisch Stärke demonstrieren zu können, wo man in anderen Bereichen nicht so widerstandslos agieren kann. Die fast hundertprozentige Abhängig­keit der Kultur vom öffentlichen Subventionsgeber ent­puppt sich an dieser Stelle als großer Nachteil – auch für die Möglichkeiten des Protests. Ist die Pandemie ein Auf- oder vielleicht sogar Weckruf an die Theater­schaffenden, der immer größer werdenden Kulturferne von Politikern entgegenzuwirken? Wird neben der Pub­likums-Gewinnung auch die Politiker-Gewinnung die große Herausforderung der Zukunft?

 

Herzlich

Ihr

Ulrich Ruhnke

 

 

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