LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,
Weihnachtszeit ist Opernzeit. Wie viele Operngänger ihr musiktheatrales Erweckungserlebnis in den letzten Wochen des Jahres hatten, wissen wir leider nicht genau. Statistisch ist diese an sich interessante Zahl seltsamerweise noch nie erhoben worden. Doch es dürften einige sein – zumal die Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins unsere emotionale Gewissheit bestätigt, wenn sie Hänsel und Gretel, Die Zauberflöte und La bohème regelmäßig als Publikums-Dauerbrenner listet und damit eben jene Werke, die verlässlich am häufigsten in den Adventswochen auf den Spielplänen zu finden sind. Für die Kinder ein Märchen, für die Erwachsenen Romantik und für viele der Weg zu einer langfristigen Eroberung der Oper und Liebe zur Kunstform in genau diesem Zweischritt.
Mag es auch den ein oder anderen Intendanten geben, der darüber die Nase rümpft, weil er sein Haus als Zentrale für politische Bildung verstanden haben möchte, ist doch grundsätzlich nichts daran falsch. Für die meisten Menschen ist der Opernbesuch selbst schon große Oper, weshalb jedem Opernhaus nur dringend angeraten sein kann, den Erwartungen der vorweihnachtliche Festlichkeit Suchenden und potenziell neuen Besuchern nicht zuwiderzulaufen. Publikumszuspruch schadet nicht.
Heute aber ist das gar nicht mehr so einfach. Dramaturgisch kommen dem Christbaum im Foyer auch schon einmal interne Diskussionen um die multikulturelle und -religiöse Gesellschaft in den Weg. Aus den Beamtenstuben ist es zusätzlich der Brandschutz, der bestenfalls noch Plastik, aber kaum mehr Natur gestattet – womit der Zauber auch schon wieder verflogen ist.
Auch programmatisch gibt es Änderungsbestrebungen. Sie zeigen sich in dem Versuch, dem vorweihnachtlichen Stimmungsbedürfnis einerseits und dem Repertoireerweiterungsanspruch andererseits gerecht zu werden. Oftmals mit Erfolg, insbesondere bei denjenigen, die das Standardrepertoire ohnehin schon allzu oft gesehen haben und bei jenen, die schon immer fanden, dass Die Zauberflöte gar nicht die beste Einstiegsoper für Kinder ist, da viel zu lang und zu komplex. Doch welche Alternativen gibt es? Dieser Frage gehen wir in der vorliegenden Ausgabe nach und werfen zusätzlich in unserer Rubrik „Nahaufnahme“ einen genaueren Blick auf Humperdincks „andere“, aber so gut wie nie gespielte Märchenoper Dornröschen, die der experimentierfreudige neue Intendant der Hamburgischen Staatsoper, Tobias Kratzer, auf den Vorweihnachtsspielplan gesetzt hat.
Selbst für ihn und seine Kollegen gibt es hin und wieder Geschenke. Nicht immer in Form von neuen Opernhäusern (siehe Düsseldorf) oder mehr Geld, aber in handfest verwertbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen, die in der stärker werdenden Verteilungsdebatte bestens in der Hand liegen. Kama Muta heißt die Zauberwaffe und ist der Name für ein gerade dem Opernbesucher längst vertrautes Gefühl, das aber erst seit ein paar Jahren wissenschaftliche Beachtung findet und durch die Namensgebung nun quasi erstmals dingfest gemacht wurde: das Gefühl tiefer Ergriffenheit und Verbundenheit, das Bewegtsein von Liebe. Nur wer bei Rodolfos Schmerzensrufen „Mimì“ am Ende von La bohème kalt bleibt, kann nicht ahnen, von was hier die Rede ist. Alle anderen wissen: Orte und Momente, an und in denen man so etwas in Gemeinschaft erleben kann, gibt es nicht mehr allzu viele. In unserem aktuellen Schwerpunktbeitrag gehen wir dem Thema genauer nach.
Zentral für die Voraussetzung, innerlich berührt zu werden, ist das Verständnis darüber, was da gerade vor sich geht. Die Musik, die Handlung, das Geschehen, sie alle verraten schon sehr viel. Der Text aber ist ein Schlüssel. Gehen wir falsch mit ihm um, wenn wir Opern nur noch in Originalsprache und nicht mehr auf Deutsch singen? „Wie eiskalt ist dies Händchen“ dringt dem des Italienischen nicht firmen Zuhörer besser ins Gedächtnis als „Che gelida manina“ – auch wenn es weniger poetisch und für manche Ohren vielleicht auch etwas peinlich klingt. Doch die Frage muss erlaubt sein, ob wir uns diesen Bildungsdünkel wirklich so leisten wollen, oder ob es sinnvoll wäre, Opern wieder, wie es früher der Fall war, häufiger auch auf Deutsch und damit wirklich niedrigschwellig aufzuführen. Die weit verbreiteten Übertitel sind nicht dasselbe. Im Beitrag „Reich mir die Hand, mein Leben“ wägen wir das Für und Wider ab.
Wie immer in der letzten Ausgabe des Jahres haben wir eine Auswahl von CD-Geschenktipps zusammengetragen, die Sie bequem auf den hinteren Seiten des Heftes finden können. Stöbern Sie durch und beglücken Sie Ihre Lieben mit einer schönen Aufnahme!
Ich wünsche eine besinnliche Adventszeit, frohe Weihnachten und verbleibe mit herzlichen Grüßen
Ihr
Ulrich Ruhnke



