LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,
wenn der Kronleuchter dem Künstler die Schau stiehlt, ist das für den Künstler wahrscheinlich eine Kränkung. Für die Oper dagegen womöglich eine Überlebensfrage. Die Mailänder Scala, die Opéra Garnier oder die Wiener Staatsoper wissen längst, dass ein Großteil ihres Publikums nicht ausschließlich wegen der Kunst, sondern für das Ambiente kommt. Die gute alte Oper ist auch heute noch für die meisten assoziiert mit Festlichkeit und Glanz, der in unserem Alltag sonst nicht mehr zu finden ist. Ein Klischee sicherlich, das sich aber hartnäckig hält. Und Opernschaffende oftmals ebenso hartnäckig zum Beweis des Gegenteils reizt.
Sie wollen zeigen, dass Oper zeitgemäß, zugänglich, divers, relevant und gesellschaftlich notwendig ist. Alles richtig. Und vielleicht trotzdem ein Fehler. Die Zukunft der Oper scheitert nicht an Wagner, Verdi oder der Regie. Sie entscheidet sich möglicherweise gar nicht zuerst auf der Bühne, sondern an der Frage, ob sich die Gesellschaft noch die großen Gebäude für die Oper leisten will.
Man stelle sich etwa vor, die baufällige Hamburgische Staatsoper würde nicht in den neuen grünen Kunsttempel am Elbe-Ufer umziehen, sondern sei als unsanierbar dichtgemacht worden. Zu elitär, zu teuer, zu unverhältnismäßig in den Kosten im Vergleich zu sonstigen dringend zu erledigenden sozialen Aufgaben. Neue alternative Spielstätten wären stattdessen hergerichtet worden, in den allseits beliebten stillgelegten Fabrikhallen etwa. Mehr Werkstatt, weniger Marmor. Mehr Nähe, weniger Rang. Es gäbe dafür gute Argumente – und vermutlich zunächst sehr viel Applaus. Nur: Würde man damit wirklich die Oper retten? Oder würde man gerade das abschaffen, was sie gesellschaftlich sichtbar macht?
Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper bemerkte kürzlich in der laufenden Diskussion um die bevorstehende, in jedem Fall die Milliardengrenze überschreitende Opernsanierung vor Ort: „Der Verzicht auf eine Oper wäre ein zivilisatorischer Rückschritt“. Man kann über die Kosten streiten, über Bauzeiten, politische Prioritäten, über Fehlplanungen und Größenordnungen. Aber man sollte sich davor hüten, die eigentliche Frage kleinzureden. Denn ein Opernhaus ist nicht bloß ein Ort, an dem Oper stattfindet. Es ist das Bekenntnis dazu, dass die Gesellschaft sich einen Raum leistet, der keinem unmittelbaren wirtschaftlichen Zweck dient. Wo Menschen sich versammeln, um etwas gemeinsam zu erleben, das nicht effizient sein muss. Dass Kunst einen Palast bekommen darf. Und dass eine Stadt ihre Kultur nicht nur fördert, sondern sichtbar macht.
Opernschaffende sollten froh darüber sein, dass es immer noch politische Entscheider mit einer solchen Denke gibt. So banal es auch klingt: Prominente Opernimmobilien helfen dabei, diese Überzeugung in die Zukunft zu tragen. Das Opernhaus in Sydney etwa, so künstlerisch wenig relevant es im internationalen Operngeschehen auch sein mag, hat durch seine ikonische Architektur und weltweite Berühmtheit der Opernkunst wahrscheinlich mehr Bekanntheit und gesellschaftlichen Rückhalt verschafft als die meisten Education-Programme zusammen. Was im Umkehrschluss nicht heißt, dass diese nicht relevant seien. Ganz im Gegenteil sind sie längst zwingender inhaltlicher Bestandteil eines modernen Opernhauses. Und wer das erkennt, der schenkt auch diesem Bereich eine eigene Architektur.
Die Oper Köln, die im September nach 14-jähriger Generalsanierung nun endlich wieder ihre Türen öffnet und der unser aktueller Themenbeitrag gewidmet ist, dürfte das weltweit einzige Opernhaus sein, das seiner Kinder- und Jugendsparte ein eigenes, neues Opernhaus errichtet hat: Unter dem benachbarten Dirk-Bach-Platz ist ein golden schimmerndes, kleines klassisches Rang-Theater für 200 Gäste entstanden, mit Kolonnaden- Bühne und Orchestergraben für 30 Musiker.
Im Gegensatz zu ihrem verfeindeten Nachbarn Düsseldorf, wo nach der Absage des Opernneubaus wieder alles auf null steht und die mittel- und langfristige Opernzukunft unklar ist, ist die Domstadt nicht nur in eine Sanierungsfalle gestolpert, sondern, nun da alles überstanden ist, auch an die Spitze der Raumangebote für ein junges und sehr junges Publikum.
Auch Aviel Cahn, der neue Intendant der Deutschen Oper Berlin, mit dem wir für die vorliegende Ausgabe gesprochen haben, denkt Architektur nicht als Witterungsschutz, sondern als Teil des Programms. Sein Haus soll zum „Dritten Ort“ werden: nicht nur Ziel für den Opernbesuch, sondern Aufenthaltsort, Begegnungsort, mindestens eine Halbtagsdestination. Ein Haus, in das man geht, auch wenn man keine Oper sehen will.
Architektur wirkt. Wenn man sie lässt.
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!
Herzlich
Ihr
Ulrich Ruhnke



