Ein starker, fast überwältigender Saisonauftakt am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen mit einem Wozzeck, der die Frage stellt: Opfer oder Täter – oder: Opfer und Täter?
Von Guido Krawinkel
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Ilaria Lanzino verortet Alban Bergs erste Oper in der Zeit des Nationalsozialismus in einem Konzentrationslager. Wozzeck ist hier nicht nur ein Soldat, der zu seinen Handlungen gezwungen wird, sondern auch ein Helfer der SS: Er muss Häftlinge zu medizinischen Versuchen nötigen und beteiligt sich an ihrer Vernichtung. Opfer oder Täter? Bei Lanzino wird aus dem „oder“ ein „und“. Dass Wozzeck nicht nur gezwungen, sondern auch handelnd gezeigt wird, holt ihn aus einer bloßen Opferrolle heraus. Aus dem gequälten Menschen wird zugleich ein Täter innerhalb des Systems. Das verschiebt durchaus den Akzent der Oper. Wozzecks Mord an Marie erscheint nicht mehr allein als Ausbruch eines gedemütigten Individuums, sondern als Teil einer komplexen moralischen Verstrickung. Es wird nicht nur gefragt, wie ein Mensch zum Täter gemacht wird, sondern auch, wann er trotz äußerem Zwang Verantwortung für sein Handeln trägt.
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