Welche modernen Opern muss man kennen?
Allgemeines
Nach den zentralen Werken der klassischen Moderne, die im ersten Teil vorgestellt wurden, richtet sich der Blick im zweiten Teil auf Opern, die das Musiktheater radikal erweitert haben. Die hier ausgewählten Werke bewegen sich zwischen Musiktheater, politischem Drama, multimedialer Performance und gesellschaftlicher Provokation. Sie zeigen, wie vielfältig der Opernbegriff im 20. Jahrhundert geworden ist – und warum diese Werke unverzichtbar für das Verständnis zeitgenössischer Bühnenkunst sind. Auch diese Opern sind herausfordernd, aber gerade darin liegt ihre künstlerische Kraft und Aktualität.
Kurt Weill: Die Dreigroschenoper
Die Dreigroschenoper wurde 1928 in Berlin uraufgeführt und entstand als eine der legendären Zusammenarbeiten von Kurt Weill (1900-1950) und Bertolt Brecht (1898-1956). Sie basiert lose auf John Gays The Beggar’s Opera (1728) und erzählt die Geschichte des Gangsters Macheath (Mackie Messer) im Milieu von Kriminalität, Armut und moralischer Doppeldeutigkeit. Weills Musik verbindet Jazz, Tanzrhythmen, Kabarett und klassische Formen zu einem unverwechselbaren Stil. Die berühmten Songs – allen voran die Moritat von Mackie Messer – machten das Werk weltweit populär, ohne dass seine gesellschaftskritische Schärfe verloren ging.
Warum man Die Dreigroschenoper kennen muss:
- Verbindung von Oper, Theater und politischem Kabarett
- Zeitlose Gesellschaftskritik
- Enormer Einfluss auf das moderne Musiktheater
George Gershwin: Porgy and Bess
Mit Porgy and Bess schuf George Gershwin (1898-1937) 1935 ein Werk, das zwischen Oper, Musical und afroamerikanischer Musiktradition vermittelt. Die Handlung spielt in der fiktiven schwarzen Gemeinschaft Catfish Row in Charleston und erzählt die Liebesgeschichte zwischen dem körperlich beeinträchtigten Porgy und der zerrissenen Bess. Gershwin integriert Spirituals, Blues und Jazz in eine groß angelegte Opernpartitur. Arien wie Summertime oder I Got Plenty o’ Nuttin’ wurden weltberühmt, doch das Werk erschöpft sich keineswegs in populären Melodien – es ist ein ernsthaftes, musikalisch anspruchsvolles Bühnenwerk.
Warum man Porgy and Bess kennen muss:
- Brücke zwischen Oper, Jazz und afroamerikanischer Kultur
- Starke emotionale Wirkung
- Wegweisend für Diversität im Musiktheater
Bernd Alois Zimmermann: Die Soldaten
Die Soldaten von Bernd Alois Zimmermann (1918-1970), uraufgeführt 1965 in Köln, zählt zu den radikalsten Opern des 20. Jahrhunderts. Das Libretto basiert auf dem gleichnamigen Drama von Jakob Michael Reinhold Lenz (1776) und schildert den moralischen und sozialen Absturz der jungen Marie in einer von Machtmissbrauch und Gewalt geprägten Welt. Zimmermann entwickelt dafür eine komplexe musikalische Struktur, die serielle Techniken, Jazz, Collagen, Mehrfachbühnen und gleichzeitige Handlungsebenen einbezieht. Zunächst galt das Werk als unaufführbar – heute wird es als Meilenstein des Musiktheaters gefeiert und trotz seiner Schwierigkeiten und seines Materialeinsatzes regelmäßig aufgeführt.
Warum man Die Soldaten kennen muss:
- Extrem konsequente musikalische Moderne
- Radikale Bühnensprache
- Eindringliche gesellschaftliche Anklage
Aribert Reimann: Lear
Die Oper Lear von Aribert Reimann (1936-2024) wurde 1978 in München uraufgeführt und basiert auf Shakespeares Tragödie King Lear. Das Werk konzentriert sich stark auf die psychologischen Dimensionen der Figuren: Macht, Wahnsinn, Schuld und menschliche Einsamkeit stehen im Zentrum. Reimanns Musiksprache ist expressiv, abwechslungsreich und stark auf die Singstimmen zugeschnitten. Besonders die Titelpartie stellt extreme Anforderungen an den Sänger und gilt als eine der intensivsten Charakterrollen der modernen Oper.
Warum man Lear kennen muss:
- Psychologisch hochkonzentriertes Musiktheater
- Ausdrucksstarke, dramatische Klangsprache
- Bedeutendste deutsche Oper der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Philip Glass: Einstein on the Beach
Mit Einstein on the Beach (1976 uraufgeführt in Avignon) schuf Philip Glass (*1937) gemeinsam mit dem Regisseur Robert Wilson ein Werk, das den traditionellen Opernbegriff vollständig sprengt. Es gibt keine durchgehende Handlung im klassischen Sinn, keine lineare Erzählung und keine psychologisch gezeichneten Figuren. Stattdessen entsteht ein mehrstündiges, hypnotisches Gesamtkunstwerk aus minimalistischer Musik, abstrakten Bildern, Licht, Bewegung und Textfragmenten. Die Figur Albert Einsteins wird dabei eher symbolisch als biografisch verstanden.
Warum man Einstein on the Beach kennen muss:
- Revolution des Opernbegriffs
- Prägendes Werk der musikalischen Minimal Art
- Einflussreich für multimediales Musiktheater bis heute
Quelle: Wikipedia








