Welche bekannten Opern sind besonders kurz?
Allgemeines
Oper bedeutet nicht zwingend stundenlange Abende mit vielen Pausen und einem langen Heimweg. Manche der faszinierendsten und eindrucksvollsten Werke des Musiktheaters dauern weniger als eine Stunde – und entfalten in dieser komprimierten Zeit eine Dichte und Wucht, die die von manchem vierstündigen Werk übertrifft. In diesem Beitrag stellen wir fünf bekannte Opern vor, die zu den kürzesten ihres Fachs gehören – und dabei allesamt kleine Meisterwerke sind.
Arnold Schönberg: Erwartung
Arnold Schönbergs Erwartung (komponiert 1909, uraufgeführt erst 1924 in Prag) dauert nur rund 30 Minuten – und gehört dennoch zu den radikalsten und folgenreichsten Werken der Operngeschichte. Das Monodram für Solosopran und Orchester basiert auf einem Text von Marie Pappenheim und zeigt eine einzige Frau, die nachts durch einen Wald irrt, den Leichnam ihres Geliebten findet und in einem Strudel aus Angst, Eifersucht und Verzweiflung versinkt. Es gibt keine Handlung im klassischen Sinne – nur den inneren Bewusstseinsstrom einer Figur am Rand des Wahnsinns. Schönbergs Musik ist vollständig atonal, von nervös flirrender Orchestrierung und einem halsbrecherisch anspruchsvollen Sopranpart. In weniger als einer halben Stunde verdichtet Erwartung eine psychologische Extremerfahrung, die nachhallt.
Béla Bartók: Herzog Blaubarts Burg
Béla Bartóks einzige Oper Herzog Blaubarts Burg (komponiert 1911, uraufgeführt 1918 in Budapest) dauert rund 55 bis 60 Minuten ohne Pause und zeigt nur zwei Sänger auf der Bühne: Blaubart und seine neue Frau Judith. Judith besteht darauf, nacheinander sieben verschlossene Türen in Blaubarts Burg öffnen zu dürfen. Was sie dahinter findet, führt sie – und den Hörer – auf einen unaufhaltsamen Weg in die Dunkelheit. Das Libretto von Béla Balázs verbindet Märchenstruktur mit tiefen psychologischen Fragestellungen: Geht es um männliche Dominanz, weibliche Neugier, die Unmöglichkeit von Intimität? Bartóks Musik ist von einer elementaren Wucht, die vom geheimnisumwitterten Beginn bis zum unerbittlichen Schluss keinen Moment nachlässt. Trotz ihrer Kürze ist die Oper von einer geradezu sinfonischen Größe.
Francis Poulenc: La voix humaine
Francis Poulencs La voix humaine (uraufgeführt 1959 an der Opéra-Comique in Paris) dauert rund 40 bis 45 Minuten und ist wie Erwartung ein Monodrama für eine einzige Sängerin. Der Text stammt von Jean Cocteau: Eine Frau führt ein letztes Telefongespräch mit dem Mann, der sie verlassen hat. Mehr Handlung gibt es nicht – und doch entfaltet sich in diesem Telefonat eine ganze Tragödie: Lügen, Selbstbeherrschung, Zusammenbruch, Würde und Verzweiflung wechseln sich ab. Poulencs Musik ist von einer unsentimentalen Direktheit, die gerade dadurch umso rührender wirkt. Die Partie stellt extreme Anforderungen an Stimme, Schauspiel und Präsenz der Sängerin – und wurde von Größen wie Denise Duval, Felicity Lott und Patricia Petibon mit unvergesslichen Interpretationen bedacht. Mit Les mamelles de Tirésias bildet La voix humaine einen denkbar reizvollen und kontrastierenden Doppelabend.
Francis Poulenc: Les mamelles de Tirésias
Ebenfalls von Francis Poulenc stammt Les mamelles de Tirésias (uraufgeführt 1947 an der Opéra-Comique in Paris), eine surreale Opéra-bouffe in zwei Akten nach einem Stück von Guillaume Apollinaire, die auf rund 50 bis 55 Minuten kommt. Die Handlung ist absurd und politisch zugleich: Die Frau Thérèse beschließt, Mann zu werden, lässt ihre Brüste davonfliegen (als Luftballons), lässt sich einen Bart wachsen und nennt sich fortan Tirésias. Ihr Ehemann übernimmt derweil das Kindergebären und produziert an einem Tag 40.049 Kinder. Apollinaire, der den Begriff „Surrealismus“ prägte, schrieb das Stück 1903, also lange vor dem Surrealismus als Kunstbewegung. Poulenc setzt die Vorlage mit sprühendem Witz, parodistischen Anspielungen und lyrischer Wärme um.
Gian Carlo Menotti: The Telephone
Gian Carlo Menottis The Telephone, or L’Amour à trois (uraufgeführt 1947 in New York) ist mit rund 20 bis 25 Minuten die kürzeste Oper dieser Liste – und eine der unterhaltsamsten. Das Kammerstück für zwei Sänger schildert die verzweifelte Situation eines jungen Mannes, der seiner Freundin Lucy einen Heiratsantrag machen möchte, aber immer wieder von deren exzessiver Telefoniererei unterbrochen wird. Am Ende greift er selbst zum Hörer und macht ihr den Antrag per Telefon. Menottis Musik ist eingängig, witzig und gekonnt an den komödiantischen Momenten des Textes orientiert. Das Werk wurde ursprünglich als Vorprogramm zu Menottis ernsthafter Kammeroper The Medium geschrieben – ein klassischer Kontrast-Doppelabend, den man auch heute noch in dieser Kombination sehen kann.
Quelle: Wikipedia








