Für das Savonlinna Opera Festival versucht Regisseurin Silvia Paoli einen frischen Blick auf eines der populärsten Werke des Repertoires zu finden: La traviata. Gelingt ihr diese Herausforderung?
Von Hugh Canning
Jeder glaubt, La traviata zu kennen, eine der meistgespielten Opern Giuseppe Verdis – dabei bereitete dieses auf Alexandre Dumas‘ skandalösem Roman La dame aux camélias basierende Werk den venezianischen Zensoren bei seiner Uraufführung 1853 am Teatro La Fenice solche Sorgen, dass der Oper eine zeitgenössische Ausstattung verwehrt blieb und sie stattdessen in Kostümen des 17. Jahrhunderts gezeigt werden musste. Offenbar hielt man ihre Botschaft – eine Frau löst sich aus den Zwängen der bürgerlichen Gesellschaft, um unabhängig von kontrollierenden Männern zu existieren – besser in der Vergangenheit aufgehoben.
Silvia Paolis Deutung von Piaves Text als „ultimativer Ausdruck patriarchaler Heuchelei“ wird in ihrer neuen, in diesem Jahr beim finnischen Savonlinna Opera Festival vorgestellten Inszenierung für die GöteborgsOperan zur feministischen Polemik gegen eine männerdominierte Gesellschaft. In Emanuele Sinisis Bühnenbildern dominiert ein tristes Grau – das Vorspiel erklingt vor der Kulisse einer verhüllten Marmorwand und einer Platte, auf der sich die Leiche einer Frau erahnen lässt: Wie in Dumas‘ Roman ist das Ende der Protagonistin der Prolog zum letzten Akt ihres verlorenen Lebens, aus dem Blickwinkel soziopathischer Männer und ihren willfährigen Komplizinnen.
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