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Oktober 2022

Editorial

Von Ulrich Ruhnke
27. Oktober 2022
in Editorials
Lesedauer: 4 mins read
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LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,

Ja, es gab sie, die Protestler, die am 5. Sep­tember vor und in der Wiener Staatsoper ihr Missfallen gegen Anna Netrebko und ihre Rückkehr ans Haus am Ring kundtaten. Doch waren sie in der Minderzahl, ungleich größer war der Jubel. Mit drei so gut wie ausverkauf­ten Vorstellungen ließ das Publikum wissen, was es von einer Verbannung der Künstlerin aus politisch-moralischen Gründen von europäischen Bühnen hält, nämlich gar nichts.

Anna Netrebko hatte sich zunächst überhaupt nicht, später nur sehr halbherzig und mit einem vom Anwalt wasserdicht vorformulierten Statement vom russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine distanziert, was ihr die Ausladung von so gut wie allen westlichen Enga­gements einbrachte und natürlich viel Kritik. Peter Gelb von der Metropolitan Opera hält bis heute daran fest, Serge Dorny, Intendant der Bayerischen Staats­oper, hat inzwischen immerhin bekundet, die Situation heute eventuell neu bewerten zu können. Monte-Carlo hatte bereits im April zu Ende gedacht (oder vorher gar nicht gedacht) und Netrebko die Tür für erste Reinwa­schungsauftritte in Manon Lescaut geöffnet. Als Ein­springerin für die erkrankte Maria Agresta und damit übrigens ähnlich kurzfristig und unerwartet wie in Wien. Denn ursprünglich sollte hier dem Publikum statt des Puccini-Klassikers Halévys La Juive gezeigt werden, mit Sonya Yoncheva und Roberto Alagna. Doch Erkran­kungen u.a. der Titelinterpretin machten die Auffüh­rungsserie angeblich unmöglich. Gänzlich glaubwür­dig ist das allerdings nicht. Das Stück wurde und wird aktuell auch an größeren Häusern gespielt, studierte Sänger sollten also zu bekommen sein. Mit dem vorge­zogenen, ursprünglich für Januar als Aida geplanten Wiener Comeback von Anna Netrebko dürften weiter­gehende Abstrafungsdebatten nunmehr endgültig dem Nullpunkt entgegengeführt worden sein. Das Publikum will die Künstlerin offenbar, und damit auch die Häuser, die derzeit wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr unter Publikumsrückgang leiden.

Wer um die aktuelle Entwicklung des Konsumklima­index weiß, der kennt auch die Kurve der Vorstellungs­auslastungen. An der Berliner Staatsoper beispielsweise sind selbst für den neuen Ring noch bequem Tickets zu bekommen. Christian Thielemann übernimmt die musikalische Leitung für den an Vaskulitis erkrankten Daniel Barenboim, der damit erstmalig einem Kollegen sein Pult in der Staatsoper überlässt, zu dem man ihm einiges, aber wohl kaum eine Best-buddy-Freundschaft nachgesagt hätte. Ganz sicher wird Thielemann sich im Haus Unter den Linden einen Triumph abholen und der jetzt schon schwelenden Debatte um seine GMD-Nach­folgerschaft von Barenboim zusätzlichen Rückenwind verleihen. Sollte er am Ende erfolgreich gewesen sein, entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass er neben seinem Vorgänger dann der zweite Generalmusikdi­rektor des Hauses wäre, der als Chefdirigent bei den Berliner Philharmonikern abgeblitzt ist. Die Staatsoper Unter den Linden als das Haus der Abgelehnten?

Wer keine Lust auf den neuen Ring an der Staats­oper hat, weil er vielleicht gerade im ebenfalls neuen Ring an der Deutschen Oper war, wird beim Blick in die Spielpläne womöglich etwas ernüchtert sein. So viele Ringe wie derzeit gab es selten, auch an mittleren Häusern wie Dortmund, Saarbrücken oder Oldenburg (selbst wenn hier seit über 100 Jahren zum ersten Mal wieder und damit durchaus mit erheblicher Berechti­gung). „Wagner geht immer“ sagen Intendanten und meinen den Publikumszuspruch. Doch was, wenn sich Übersättigung statt Erkenntnisgewinn breitmacht? Im Themen-Beitrag gehen wir dieser Frage nach.

Interessanter sind da womöglich Programmreihen wie am Theater Bonn. Unter dem Titel „Fokus ’33“ wer­den hier Werke gezeigt, die nach 1933 oder ab 1945 aus den Spielplänen verschwanden oder in diesem Zeitraum entstanden und erst danach überhaupt zur Urauffüh­rung gelangten. Diese Herangehensweise hat in der letz­ten Saison z.B. zur glücklichen Wiederbegegnung mit Meyerbeers Feldlager in Schlesien geführt, oder bringt in dieser Saison am 16. Oktober Franchettis Asrael ans Licht, den wir in unserer aktuellen „Nahaufnahme“ genauer betrachten. Eine andere Rarität, nämlich die posthume Uraufführung des Samson aus der Feder des vor 200 Jahren geborenen Joachim Raff, wurde bereits im September am Nationaltheater Weimar vorgestellt. Auch hierüber lesen Sie im vorliegenden Heft. Es bleibt die Frage offen, ob besonders interessante Programme nur noch zu erwarten sind, wenn – wie in Bonn und Weimar der Fall – die Theater dafür zusätzliche Förder­mittel einstreichen können. Subventionsnomadentum kennt man sonst eher aus der freien Szene.

Anders stellt sich die Situation in Hamburg dar. Hier will der Unternehmer Klaus-Michael Kühne erhebliche Mittel für ein neues Operngebäude zur Verfügung stel­len, doch die Stadt zögert. Darüber und wie der Opern­neubau viel mehr sein soll als nur ein Opernhaus, näm­lich ein Kulturzentrum mit integrierter Oper, haben wir mit Kühne gesprochen. „Die Oper ist tot, es lebe die Oper!“ – treffender könnte der Titel einer neu eröff­neten Ausstellung der Bundeskunsthalle Bonn derzeit kaum sein.

 

Herzlich

Ihr

Ulrich Ruhnke
Dr. Ulrich Ruhnke OPER!

 

Tags: Anna NetrebkoBruno de SáCamilla NylundDer Ring des NibelungenEditorialEnergiekrisePublikumsschwundRichard Wagner
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