Freilichtoper findet man in Italien nicht nur in Verona. Idyllisch in den Marken gelegen, bietet das mittelalterliche Macerata seit Jahrzehnten eine stimmungsvolle Festival-Alternative, bei der große Stimmen mit den Sternen des nächtlichen Himmels um die Wette strahlen.
Von Stephan Schwarz-Peters
Von Torre del Lago bis Bergamo, von Florenz bis Ravenna: Italien ist das Land der Opern-Festivals, doch wer meint, unter ihnen sei das Festival von Verona das einzige, das unter freiem Himmel in einer Arena stattfindet, war noch nie in Macerata. Nicht nur an Kirchen und Palästen hat die 40.000-Einwohnstadt in den Marken Sehenswertes zu bieten. Neben einer traditionsreichen Universität verfügt Macerata mit der Arena Sferisterio auch über ein außergewöhnliches historisches Stadion, das einst sportlichen Wettkämpfen diente und heute für Operngenuss unter freiem Himmel steht. Zwar ist das 1829 im neoklassizistischen Stil vollendete Rundgebäude mit seinen 3.000 Plätzen nicht annähernd so alt und so groß wie die von den Römern errichtete Arena di Verona. Dafür geht es hier auch nicht so laut und stressig, so verdrängelt und hektisch zu wie bei der ungleich berühmteren Konkurrenzveranstaltung in der Romeo-und-Julia-Stadt. Tatsächlich garantiert das Sferisterio Opera Festival (so der offizielle, von der Hauptspielstätte abgeleitete Name) an den Wochenenden zwischen Ende Juli und Ende August entschleunigten Operngenuss – und das seit über 100 Jahren.
Von Verona inspiriert, kam man 1921 erstmals auf die Idee, mit Verdis Aida eine Oper in der ehemaligen Ballsportarena zu präsentieren. Mit Amilcare Ponchiellis La Gioconda im Jahr darauf sollte der Auftakterfolg in Serie gehen – doch die Erwartungen erfüllten sich nicht, weshalb das Festival von Macerata, noch ehe es sich etablieren konnte, in Dornröschenschlaf verfiel. Bis 1967, als Aufführungen von Otello und Madama Butterfly das Freilicht-Programm wiederbelebten. Bis heute bilden, mit jeweils drei bis vier Stücken, darunter mindestens eine Neuinszenierung, die Meisterwerke des italienischen Musiktheaters den Repertoire-Kern des Festivals, das seitdem jährlich stattfindet. Immer wieder zeigte sich die Veranstaltung offen auch für Klassiker aus anderen Ländern und für neue Darstellungsformen, darunter Meisterstreiche des Regietheaters wie die legendäre Bohème-Adaption des britischen Regie-Exzentrikers Ken Russell (Tommy, Lisztomania) im Jahr 1984. Markenkern des Festivals jedoch ist und bleibt die traditionelle italienische Operntradition – und gepflegt wird sie hier auf allerhöchstem Niveau.
Um das zu garantieren, trat als erster Künstlerischer Leiter nach der Wiederaufnahme der selbst aus den Marken stammende Carlo Perucci an. Von 1967 regierte er die Geschicke des Festivals 28 Jahre lang – und holte schon zu Beginn Weltstars wie Mario Del Monaco (bei der Eröffnung 1967 in seiner legendären Rolle als Otello zu erleben), Tito Gobbi oder Piero Cappuccilli auf die Bühne. Die Namenliste der folgenden Jahrzehnte lässt das Herz jedes historisch bewanderten Opernfreundes in Wallung bringen: Franco Corelli, Luciano Pavarotti, Renato Bruson, Montserrat Caballé, Plácido Domingo, Alfredo Kraus, Marilyn Horne, José Carreras, Sesto Bruscantini, Birgit Nilsson, Raina Kabaivanska und Leyla Gencer, um nur einige zu nennen. Auch Katia Ricciarelli, Italiens großer Bühnenstar der 1970er- und 80er-Jahre, war in der Arena Sferisterio zu Gast – und kehrte, von 2003 bis 2005, als Künstlerische Leiterin dorthin zurück. Zwar tauchten auch zu dieser Zeit noch immer namhafte Künstlerinnen und Künstler auf den Besetzungszetteln auf, doch schon seit Längerem war die Luft ein wenig heraus aus dem Festival-Konzept – bis Pier Luigi Pizzi, der 2006 die ungnädig abgerauschte Katia Ricciarelli beerbte, Raum für Neues öffnete, gleichzeitig aber auch die ursprüngliche ästhetische Ausrichtung des Festivals wieder mehr in den Blick nahm.
Mit dem Sänger Marco Vinco liegt die Künstlerische Leitung des Macerata-Festivals erneut in den Händen eines Opernfachmanns. Soeben hat er mit der zugkräftigen Opern/Operetten-Trias Die lustige Witwe, Rigoletto und Macbeth sowie einer flamencofreudigen Tanztheater-Adaption von Georges Bizets Carmen erfolgreich seine erste Saison, die 61. der Festival-Geschichte, hinter sich gebracht. Mit den Planungen für die 62. Saison steht man – vor dem Spiel ist nach dem Spiel, zumal in einer Arena – in Macerata bereits in den Startlöchern. Pünktlich zum diesjährigen Festivalausklang verkündete das Festival das Programm für das nächste Jahr. Die feierliche Eröffnung findet demnach am 17. Juli 2026 mit einer Neuproduktion von Verdis Nabucco statt, inszeniert vom belgischen Meisterregisseur Paul-Émile Fourny und unter der Leitung von Fabrizio Maria Carminati, der erst in diesem Jahr mit seinem vielgelobten Macbeth-Dirigat in Macerata für Aufsehen gesorgt hat.
Nach dem biblischen Monumentaldrama geht es am 18. Juli 2026 mit leichter verdaulicher Opernkost weiter: Rossinis Barbiere di Siviglia, und zwar in einer Wiederaufnahme der erfolgreichen Inszenierung von Daniele Menghini aus dem Jahr 2022, musikalisch geleitet vom Mailänder Gianluca Martinenghi. Nach Rigoletto wird die Trilogie von Verdis großen Erfolgsopern am 19. Juli 2026 mit Francisco Negrins Inszenierung des Trovatore fortgeführt. Erstmals 2013 gezeigt, wurde sie bereits 2016 wiederaufgenommen. Hier liegt die musikalische Leitung in den Händen des russisch-deutschen Dirigenten Dmitri Jurowski.
Den Abschluss bildet am 7. August Carl Orffs unverwüstliche Carmina Burana mit Ramón Tebar am Dirigentenpult, der sich derzeit vor allem in der US-amerikanischen Musikszene einen Namen macht. Konzertante Formate wie diese ergänzen regelmäßig das Programm des Macerata-Festivals. Daneben finden regelmäßig Nachwuchsförderungsprojekte und Formate, die sich speziell an Schulen oder an Menschen mit Behinderung richten, statt.









