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Home Kritiken Aufführungen international

Die Zukunft des Gesamtkunstwerks?

"Siegfried" / "Götterdämmerung", Bayreuther Festspiele

Von Stephan Schwarz-Peters
2. August 2026
in Aufführungen international, Kritiken
Lesedauer: 7 mins read
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Siegfried I Der Ring des Nibelungen

"Siegfried", Bayreuther Festspiele. (Foto: Bayreuther Festspiele I Enrico Nawrath)

Gelungen oder nicht? Der 10010110-Ring der Bayreuther Jubiläums-Festspiele ist geschmiedet. Was KI im Opernbetrieb kann, bleibt dabei (noch) Andeutung, lässt aber auch in eine mögliche Wagner-Revolution der Zukunft blicken.

Von Stephan Schwarz-Peters

 

Auf dem Grünen Hügel rattert der KI-Thermomix weiter, formt Visionen aus Informationen, die er zuvor verschluckt hat, verrührt assoziatives Material zu einem mehr oder minder geschmeidigen Bilderteig und ersetzt die im Ring dieses Bayreuther Jubiläumsjahrs vakant gewordenen Posten „Regie“ und „Ausstattung“. Nachdem man sich an die erbarmungs- und beziehungslos herniedergehende Bilderflut gewöhnt hatte, konnte man sich aufgrund ihrer hohen musikalischen Qualität und Konzentriertheit von den Premieren des Rheingolds und der Walküre durchaus in Bann schlagen lassen; ein Experiment eben, das auf eine halbkonzertante Aufführung mit dekorativen Projektionen hinausläuft und bei dem sich die Aufmerksamkeit irgendwann ganz vom Auge aufs Ohr verlagert. Im Falle des zweiten, des Siegfried-Tages, kommt man mit dieser Haltung aber nur noch bedingt weiter, und die Erkenntnis setzt sich durch: Was vollständig gedacht ist, sollte auch vollständig aufgeführt werden.

Als Wagner am Modell des Rings seine Idee vom Gesamtkunstwerk entwickelte, zielte er damit auf eine Verschmelzung aller Künste zu einer höheren Einheit ab – Musik, Dichtung, bildende Kunst, Architektur, Schauspiel und Tanz. Durch das Wissen um die 150-jährigen Rezeptionsgeschichte der Tetralogie, aber auch durch die immer kleinteiligeren Mechanismen unseres Medienkonsums und unserer Kunstbetrachtung haben wir gelernt, Leerstellen eigenständig zu ergänzen. All die Bilder und Informationen zur Musik- und Zeitgeschichte, mit denen Marcus Lobbes seine Wundermaschine ausrüstet, hätte der durchschnittlich gebildete Bayreuth-Besucher mühelos auch ohne KI assoziativ ergänzen können, während er die Aufführung gleichzeitig mit geschlossenen Augen verfolgt. Doch wo im Fall der ersten beiden Ring-Teile – im Rheingold mit seiner passgenau gefügten Konversationsdramaturgie und der Walküre mit ihrer ergreifenden, stark von der Musik getragenen Emotionalität – das Fehlen eines szenischen Überbaus selbst auf heiligem Bayreuther Boden verschmerzbar scheint, merkt man spätestens im Siegfried, welche Folgen sich aus seinem Fehlen ergeben. Weder die starken stimmlichen (und deklamatorischen) Leistungen der Protagonisten noch das Mindestmaß an darstellerischer Aktion, das sie sich ihren wunderlich zerrupften Kostümen gestatten, reichen aus, um den an sich packenden Fortgang der Handlung über die Rampe zu bringen. Auch im übertragenen Sinne „steht“ an diesem Abend die Luft im Bayreuther Festspielhaus.

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