Früher wurde in Opernhäusern leidenschaftlich gebuht und gestritten – und so ästhetisch-gesellschaftliche Normen ausgehandelt. Heute hingegen wird alles mit indifferenter Freundlichkeit beklatscht. Doch ohne heftige Reaktionen verliert die Oper ihren Anspruch als „Kraftwerk der Gefühle“.
Von Michael Stallknecht
Hoch ging es her bei der Premiere des Tannhäuser 1972 in Bayreuth: „Der Leiter der Bayerischen Staatskanzlei, Ministerialdirigent Rainer Kessler, eröffnete mit einem lauten Pfiff in den noch stillen Zuschauerraum die Demonstration; Ministerpräsident Alfons Goppel fiel mit Buh-Rufen ein“, berichtete die Süddeutsche Zeitung im gewohnt ironischen Ton. Danach habe auch das allgemeine Publikum seiner Wut über die Inszenierung von Götz Friedrich Luft zu schaffen gewusst. In der deutschen Bundesregierung aus SPD und FPD gab man sich dagegen betont gelassen und äußerte sich diplomatischer als in der bayerischen Provinz. Sagte also ungefähr das, was Politiker, auch solche der CSU, nach Premieren heutzutage allenfalls sagen: dass es doch „interessant“ gewesen sei und „spannend“ und sich die Regie sicher viel dabei gedacht habe.
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