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Home Kritiken Aufführungen international

Sänger-Kaliber im Nebel

Die Regie dieser "Carmen" ist längst Routine, Wucht bringen die Darsteller

Von Christoph Irrgeher
30. Mai 2021
in Aufführungen international, Kritiken
Lesedauer: 3 mins read
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Sänger-Kaliber im Nebel

"Carmen" an der Wiener Staatsoper: Anita Rachvelishvili und Piotr Beczała (Foto: Michael Pöhn)

Calixto Bieitos Carmen-Inszenierung ist nun auch in Wien angekommen. Die mediokre Regie wird von einem Sängerfest aufgewertet.

Von Christoph Irrgeher (Redakteur der Wiener Zeitung)

Der Soldatenchor staunte, das Publikum auch. „Merkwürdige Leute gibt es hier!“: Der Satz aus dem ersten Akt sprach so manchem aus dem Herzen, der im Februar der Carmen-Premiere an der Wiener Staatsoper beiwohnte. 42 Jahre lang hat Georges Bizets Erotikthriller hier ausgesehen wie eine handkolorierte Sevilla-Postkarte aus Uromas Zeiten – überladen mit Riesenröcken, Rüschen, Sonnenschirmen und Spelunken-Romantik. Nun ist dieser Bombast aus der Werkstatt Franco Zeffirellis der jüngeren, international erprobten Regie von Calixto Bieito gewichen. Der Spanier siedelt Carmen in einem grimmigen Grenzland an, in dem Kinder betteln statt herumzualbern, Soldaten Maschinengewehre schultern und Schmuggler keine pittoresken Lagerfeuer abhalten, sondern in einem abgewetzten Mercedes mit hässlicher Hupe zur Flasche greifen. Wohl bekomm’s, diese Welt ist trostlos genug! Viel gibt’s anfangs auch nicht zu sehen: nur eine Telefonzelle und einen Fahnenmast, an dem sich Carmen freudianisch reibt. Nicht einmal jene Zigarettenfabrik, aus der die Arbeiterinnen anfangs zur Pause herbeiströmen. Dafür hängen fortwährend dicke Nebelschwaden in der Luft: möglicherweise ein Fingerzeig, dass in diesem Ödland nur das Tabakgeschäft floriert.

Trotz dieser Bilder: Calixto Bieito, in den Nullerjahren Enfant terrible der Opernbühnen, hat mit seiner Carmen keinen starken Tobak geschaffen, sondern eher Regietheater der milden Sorte. Stimmt zwar, ab und zu setzt es Prügel in dieser Szenerie, einige handfeste Fummeleien und einen splitternackten Soldaten zum Drüberstreuen (im dritten Akt, warum auch immer). Trotzdem: Diese drei Opernstunden, dem Vernehmen nach im Spanien der Franco-Diktatur angesiedelt, empören und verstören nicht. Die Schäbigkeit wird nämlich von einem nostalgischen 70er-Jahre-Flair aufgelockert, und vor allem: Bieito bürstet die Geschichte nicht gegen den Strich. Das Eifersuchtsdrama findet wie gehabt statt.

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