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Home Kritiken Aufführungen international

Schweigen glänzt nicht

"Shirine", Opéra de Lyon

Von Antonia Munding
31. Mai 2022
in Aufführungen international, Kritiken
Lesedauer: 4 mins read
A A
shirine

Uraufführung: "Shirine" an der Opéra de Lyon. (Foto: Jean-Louis Fernandez)

Mit der Uraufführung von Thierry Escaichs Shirine will Lyon seinem Ruf als spannendes junges Musiktheater treu bleiben. Intendant Richard Brunel feiert seinen Einstand als Regisseur und findet im Libretto Atiq Rahimis nicht nur eine emanzipierte Protagonistin, sondern im Aspekt des Bilderverbots zugleich die Verbindung zwischen Orient und Okzident.

Von Antonia Munding

 

Ein zugenähter Mund. Fäden zerteilen die Lippen, die sich wie ein gequältes Tier hinter Stacheldraht aufbäumen. Schmerzhaft surreal mutet dieses Bild an, das als große Projektion in der Bühnenmitte der Lyoner Oper hochgezogen ist. Noch vor den ersten Klängen aus dem Orchestergraben hat sich der Chor in bunt-gemusterten Kleidern um das Video-Still gruppiert. Sieben Frauen treten zur Rampe, legen ihre bunten Oberteile ab, darunter werden schwarze Unisex-Shirts sichtbar. Die Männer stimmen – bocca chiusa – ein düsteres Glissando an. Das Bild symbolisiert nicht nur die unterdrückten Stimmen der Frauen im islamischen Kulturkreis. Es wird in Lyon zu einem ganz aktuellen Symbol für die Freiheit der Kunst – zitiert es doch eine Aktion des russischen Performance-Künstlers Pjotr Pawlenski, der sich 2012 vor einer Kirche in Moskau aus Protest gegen die Inhaftierung der Punkband Pussy Riot den Mund zunähte.

Die Geschichte der tragischen Liebe zwischen dem persischen Prinzen Khosrow und der christlich-armenischen Shirine wurzelt im 6. Jahrhundert und ist fester Bestandteil persischer Kultur. Berühmt wurde sie vor allem durch das Epos des Dichters Nezami, das zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstand und dem Libretto des afghanisch-französischen Librettisten und Filmemachers Atiq Rahimi als Vorlage diente. Über zwölf Szenen entspinnt sich die Liebe um Shirine, mit deren Namen Atiq sein Drama überschreibt und somit bewusst die Perspektive der weiblichen Hauptfigur einnimmt. Nakissâ (vom Countertenor Théophile Alexandre etwas grell und wenig voluminös gesungen) stellt sich als Sänger-Erzähler des Epos vor. Aus dem Orchestergraben erklingt dazu der dumpfe schnelle Schlag einer persischen Handtrommel. Komponist Thierry Escaich zeichnet die Geschichte Shirines und Khosrows als Psychogramm zweier Getriebener, deren Seelenzustände von Bild zu Bild Farbe und Temperatur ändern.

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