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„Ich war verloren an eine Kunstform, die nichts mit meiner Herkunft zu tun hat“

Tazewell Thompson über "Blue" an der Oper Amsterdam

Von Uwe Friedrich
10. November 2022
in Interviews, Menschen
Lesedauer: 6 mins read
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Tazewell Thompson

Tazewell Thompson. (Foto: Melle Meivogel)

Im Interview spricht Tazewell Thompson über seine ungewöhnliche Opernsozialisierung, die Magie der Kunstform und den schmerzvollen Umgang mit einem Opernthema, das ihm persönlich und als schwarzem Autor nahegeht.

Interview: Uwe Friedrich

 

Sie sind ein gefeierter Dramatiker und Schauspielregisseur, wie kam es dazu, dass Sie nun auch ein Libretto geschrieben haben für diese oft als nicht mehr zeitgemäß diffamierte Kunstform Oper?

Da muss ich etwas ausholen. Ich komme aus einer dysfunktionalen Familie. Für sich genommen waren meine Eltern wunderbare Menschen, aber sie hätten nie heiraten sollen. Sie haben schon bei der Hochzeit auf dem Weg zum Altar furchtbar gestritten. Ich hatte eine sehr schwierige Kindheit und kam schließlich in ein Dominikanerinnenkonvent, wo ich sieben Jahre lang lebte und zur Schule ging. Damals unterrichte Schwester Benvenuta dort jeden Dienstag und Donnerstag Musik. Sie brachte auf einem Wägelchen einen Stapel LPs mit, und wir hörten Opernszenen. Sie wollte Sängerin werden, aber ihre Eltern hatten es nicht gestattet. Sie floh aus ihrer Familie und wurde Nonne. Aber ihre Leidenschaft für die Oper hat sie nie vergessen. Wir hörten also regelmäßig Opern und meine Mitschüler nutzten die Gelegenheit für ein Nickerchen. Aber mich faszinierten diese großartigen Geschichten sofort. Diese haarsträubenden Erzählungen von mythischen Figuren, unerwiderter Liebe, Hexen, Kämpfern und Zaubertränken zogen mich sofort in den Bann. Von Schwester Benvenuta lernte ich Notenlesen. Ich war ein Knabensopran und war verloren an eine Kunstform, die nichts mit meiner Herkunft zu tun hat. Keine Spirituals, kein Gospel, kein Blues, kein Jazz, sondern Oper. Schließlich machte sie mich in Einzelstunden vertraut mit Marian Anderson, Paul Robeson, Leontyne Price, Porgy and Bess und Treemonisha. Ich hätte damals nicht gedacht, dass ich jemals selbst irgendetwas mit Oper zu tun haben würde, aber ich habe es geliebt. 1985 habe ich mit Aaron Coplands The Second Hurricane meine erste Oper inszeniert und erst da gemerkt, dass ich im Dominikanerinnenkonvent bestens auf diese Welt vorbereitet worden war. Im Jahr 2000 habe ich meine Lieblingsoper Dialogues des Carmélites als Hommage an Schwester Benvenuta inszeniert. Es folgten viele weitere, und jedes Mal dachte ich dabei an Schwester Benvenuta, die mich zweifellos weiterhin leitet. 2015 fragte mich die Regisseurin Francesca Zambello, ob ich dem Glimmerglass Festival einen Librettisten für eine neue Oper empfehlen könne. Ich hatte fünf Namen zur Auswahl und fragte sie, wie wär’s mit mir? Ich traf daraufhin die Komponistin Jeanine Tesori, und sie hat mich gewählt.

In der Oper Blue geht es um die Auswirkungen von Polizeigewalt auf eine afroamerikanische Familie. Wie kam es zu dem Thema?

Francesca Zambello wünschte sich ein Gegenwartsstück. Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA war ein Thema, das mich sehr beschäftigt hat. Meine Arbeit an diesem Sujet begann lange vor dem Tod von George Floyd und den darauffolgenden Protesten. Im Jahr 2015 bekam ich den Auftrag und arbeitete kontinuierlich daran, die Uraufführung war für 2019 geplant. Das war sehr schmerzvoll, denn das Thema ging mir als schwarzem Mann sehr nahe. Die Szene zwischen dem Vater und seinem Sohn fiel mir hingegen besonders schwer, weil ich nie so eine Beziehung zu meinem Vater hatte. Ursprünglich wollte ich gar nicht über einen Polizisten schreiben. Der Vater in der Oper sollte ursprünglich ein problembehafteter Jazz-Saxofonist sein, denn so war auch mein Vater. Ich stellte aber fest, dass diese Konstellation nicht funktioniert. Daraufhin schlug die Komponistin Jeanine Tesori vor, einen Polizisten zu nehmen. Ich habe mich erst dagegen gewehrt, aber dann habe ich das Drama darin erkannt, wenn der Sohn eines schwarzen Polizisten von einem seiner Kollegen getötet wird. Schließlich braucht die Oper übergroße Konflikte, um uns emotional durch übergroße Charaktere in schwierigen Situationen und atemberaubende Musik zu berühren.

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